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Full text of "Der altfranzösische Roman Paris et Vienne"

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Der 



altfranzosisc... 
roman Paris et 




Robert 
Kaltenbacher 



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LIBRARY 
OF 



PRINCETON UNIVERSITY 



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■I. 



Der altfranzdsische Roman 

PARIS ET VIENNE, 



Inaugural-Dissertation 



zur 

Erlangung der Doktorwiirde 
der philosophischen Fakult&t 

der 

Albert-Ludwigs-Universitat zu Freiburg i. B. 

vorgelegi von 

Robert Kaltenbaeher 

> aus Konstanz. 

1.X 




Erlangen. 

K. b. Hof- und Univ.-Buchdruckerei von Fr. Junge (Junge & Sohn). 

1901. 



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V o r w o r t 



„Parmi les romans de chevalerie que recberchent aujourd'hui les 
amateurs, il en est pen d'aussi rares que l'Histoire da chevalier Paris 
et de la belle Vienne, et cependant il n'en est point qui ait 6t6 plus 
souvent imprim6. Nous ajouterons qu'il n'en est ancun qui puisse se 
pr6valoir d'une g6n6alogie litteraire aossi complete. Les Perceval, 
les Tristan ; les Lancelot meme ne sauraient inscrire sur leur pennon 
bibliographique autant d'gditions oa de traductions que le chevalier 
Paris." So Terrebasse in der Einleitung seiner Ausgabe des Romans 
Paris et Vienne. Er h&tte vielleicht den Amadis nennen ktinnen, der, 
von Paris et Vienne nicht so sebr verschieden und auch zeitlich ngher 
als die genannten, eines Hhnlichen Erfolges sich rtthroen darf. Wenn 
nun Paris et Vienne zum Unterschied von Amadis sp&ter ganz in 
Vergessenheit geriet, so war daran nicht zum geringsten Teil ein 
Vorzug schuldig, der ersteren Roman vor dem letzteren auszeichnet: 
Die durchaus einheitliche Handlung und das feste Geftige der Com- 
position verwahrte sich von selbst gegen erweiternde Zus&tze, w&brend 
Amadis gerade dazu einlud und so ttber seine Zeit hinaus das In- 
teresse lebendig hielt. Im Jahre 1835 unternahm es Alfred de Terre- 
basse, den Roman wieder hervorzuziehen, allein noch geschieht des- 
selben in keiner franztisischen Litteraturgeschichte Erw&bnung, und 
Terrebasses Buch, welches in nur 120 Exemplaren gedruckt wurde, 
ist ebenso selten geworden, wie die frllheren Buchh&ndlerausgaben. 
Dagegen hat der Roman in Wards englischer Litteraturgeschichte 
einen Platz gefunden, und sp&ter, 1868, veranstaltete Hazlitt eine 
Neuausgabe des Caxtonschen Druckes, freilich ohne dabei das ver- 
hfiltnism&ssig beschr&nkte Material Terrebasses wesentlich zu ver- 
mehren. Auch Hazlitts Ausgabe wurde nur in wenigen Exemplaren 




1* 



DEC 171313 305004 




4 



Robert Kaltenbacher 



aufgelegt and gehtfrt jetzt za den seltenen Bttchern. Zuletzt hat 
Chabaneau in der Revue des langues romanes 1884 die Einleitung 
des Pierre de la Cypede verOffentlicbt und zwar nach dem Fragment 
von Carpentras. Eine wertvolle Angabe, die sicb auf das Alter des 
Romans bezieht, macbt Baist in GrObers Grundriss II, 2, 439; was 
bingegen sonst ttber Paris et Vienne za finden ist, sind meist mehr 
bibliograpbische Notizen. 

Sollte es aas Anlass vorliegender Arbeit gelingen, dem bttbschen 
Roman seiner frttheren Verbreitang gem&ss in der franzftsischen Litte- 
ratargescbicbte wioder einige Beachtang zu verschaffen, so w&re dies 
wesentlich Herrn Professor Baist za danken, welcher die Bearbeitung 
dieses Stoffes angeregt and mit bekannter Liebenswtirdigkeit unter- 
sttttzt hat. Auch den Herren Professoren SchrOer and Hofrat 
v. Sims on, meinen verehrten Lehrern und Examinatoren m&chte ich 
an dieser Stelle meine Daukbarkeit versichern. 

Vorliegender Dissertation folgt die Veroffentlichung des Textes 
in kurzer Frist. Die hier anf denselben verweisenden Zahlen sind 
Foliozahlen des MS B (Paris, Bibl. Nat. Fr. 1480), die aach in dem 
Texte mitgeftthrt werden sollen. Eine tibersichtlichere Citationsweise 
wird dann in der vollstSndigen Vertiffentlichung Anwendang finden. 
Bis dahin ist aach die Untersucbang ttber die Sprache der Hand- 
schriften zurttckgestellt worden. Die Aasftthrlichkeit der Inhaltsangabe 
m8ge keinen Anstoss erregen, sie soil eine Vergleichang mit andern 
Redaktionen, bezw. den Umarbeitangen erleichtern und zar rascheren 
allgemeinen Orientierung beitragen. 

Neaenburg a/Rh., Sept. 1901. 



Robert Kaltenbacher. 




Der altfranzosische Roman Paris et Vienne 



5 



I n h a 1 1 



2 Zur Zeit des KCnigs Karl von Frankreich herrscht ttber die 
Landschaft Dauphing ein edler Baron, Godefroy de Lanson, wegen 
seiner Macht and Weisbeit in ganz Frankreich hochangesehen, und 
vom Ktinig, dessen Verwandter er ist, sehr gesch&tzt. Sein ein- 
ziges Kind ist Vienne, die zu Ehren der Stadt, in welcher sie 
geboren war, diesen Namen erbalten. Isabeau, die Tochter einer 
edlen Hofdame, ist ifare Gespielin. 

4 Zu gleicber Zeit lebt in Vienne ein reicher Vasall des Dauphin, 
Messire Jacques, dessen einziger Sohn, Paris, die Blttte der Ritter- 
scbaft ist. In alien ritterlicben Dingen weiss er Bescbeid nnd 
feblt mit seinem Frennde Eduard bei keinem Turniere. 

5 Da Paris im Palaste verkebrt, bekommt er auch ofters die 
schflne Vienne zu Gesicht, und ob er gleicb als einfacher Vasall 
zu der Tochter seines Herrn sein Auge nicht erbeben darf, er- 
wacht in ibm eine Neigung, die mit jedem Besuche neue Nahrung 
erbalt, bis er sich schliesslich nicht mehr getraut im Palaste zu 
erscheinen aus Furcht, durch seine Befangenheit sich selbst zu 
verraten. Dafttr verbirgt er sich flfters nacbts im Garten des 
Dauphin mit seinem Freunde, um vor Viennens Fenster zu singen, 
und da die beiden dazu meisterlich auf ihren Instrumenten spielen, 
findet nicht nur Vienne, sondern auch der Dauphin grosses Ge- 
fallen an ihnen. Er mdchte sie gerne kennen und schickt eines 
Abends zebn bewaffnete Ma'nner in den Hinterhalt; die beiden 
kommen endlich, singen und spielen, aber wie sie sich wieder 
entfernen wollen, treten die Bewaffneten ihnen in den Weg und 
fordern sie auf, vor den Dauphin zu kommen, der sie zu sehen 
wtinsche; allein weder durch Bitten noch durch Drohungen ist 
Paris dazu zu bewegen, und da die Zebn Gewalt anwenden wollen, 
schlagen sich die beiden Freunde so tapfer, dass sie unerkannt 
entkommen. Die ngchste Nacht sendet der Dauphin hundert 
Leute, aber Paris und Eduard bleiben fort. 

10 Vergebens borcht Vienne an ihrem Fenster. Sie hatte dem 
Singen so gerne gelauscht, und imraer muss sie an die unbe- 
kannten Sanger denken. Schliesslich bemerkt der Dauphin, dass 
sie nicht mehr die sorglose FrChlichkeit zeige wie frtther. Er 



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Robert Kaltenbacher 



meint, sie ftthle Langeweile and verspricbt, ihr za Ehren in der 
Stadt Vienne ein Turnier zu veranstalten. Nach alien Seiten eilen 
die Boten, urn die Ritter zum Eampfspiel zu laden. 

11 Der Ruf von Viennens SchOnheit war l£ngst in alle Lande ge- 
drungen, und so kommen tiberallher die Barone nnd Edelleute, 
um vor ihr sich auszuzeichnen. Ihre Wappen im Schilde, den 
L6wen im silbernen Feld, die goldene Krone nnd so fort, reiten 
sie zur festgesetzten Stunde in die Schranken. Vienne folgt von 
ihrer Tribttne aus dem Kampfe mit grosser Aafmerksamkeit. Da 
siefat sie auf einmal zwei unbekannte Ritter mit weissen Rtlstungen, 
ohne Wappen und Abzeiohen in die Schranken sprengen. Niemand 
halt ihnen stand. Besonders der eine derselben ftthrt so meister- 
lich Lanze and Schwert, dass er schliesslich als Sieger allein auf 
dem Plane bleibt. So wird ihm der Preis zugesprocben, und 
Vienne erwartet ihn voll ungeduldiger Neugierde. Aber mit ge- 
schlossenem Visier reitet er heran, nimmt mit hoflichem Dank 
den Siegeslohn entgegen, spornt sein Pferd und verschwindet mit 
seinem Begleiter, unerkannt wie er gekommen. Da erinnert sich 
Vienne der n£chtlichen Sanger, sie vertraut Isabeau ihre Ver- 
mutung an und klagt, dass sie nun noch unzufriedener sei als 
vorher, und dass sie nicht eher Rube erlange, als bis sie wisse, 
wer ihr gesungen und um sie gek£mpft habe. 

17 Im Palaste des Dauphin wird nun grosses Fest gehalten ; und 
bei Musik und froher Tafel bespricht man die Thaten des Un- 
bekannten und rtlhmt seine Tapferkeit und Ritterlichkeit. Nur 
Vienne sitzt traurig da, wSthrend Paris, der Sieger, zur Tafel 
dient und vor Erregung nicht wagt, Vienne anzusehen. Er kann 
keine rechte Freude an seinem Siege haben. Er darf ja niemals 
seine verwegene Liebe, am allerwenigsten dem Dauphin, be- 
kennen, und bei dem Anblick der jungen Edelleute, die Viennes 
Schimheit bewundern, wird sein Rummer noch schwerer. 

17 Nach Beendigung des Festes nehmen die Barone Abschied und 
machen sich auf den Heimweg. Wie sie nun so reiten, da ent- 
spinnt sich zwischen ihnen ein heftiger Streit, indem die einen 
sagen, es sei keine Dame der Welt an Schtmheit Vienne ver- 
gleichbar, wShrend andere dies von Florienne behaupten, der 
Tochter des Herzogs von der Normandie, und wieder andere 
Constanze, die Schwester des Ktfnigs von England als die Schftnste 
preisen. Dabei erhitzen sie- sich so sehr, dass sie endlich alle 
mit Groll und Feindschaft auseinandergehen. Und als einmal der 
Bruder des Ktfnigs von Bdhmen und der Sohn des Graf en von 




Der altfranztfsisohe Roman Paris et Vienne 



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Flandern sich auf offenem Felde begegnen, da fallen sie ttber 
einander her und richten sich gar libel zu. Der Streit zieht iramer 
weitere Kreise, so dass der Kflnig von Frankreich fttr ndtig findet, 
selbst einznscbreiten. Er verpflichtet die Barone, bis zu einem 
bestimmten Tage den Zwist rnben zu lassen ; dann solle jede der 
Parteien fttr ifare Dame in die Scbranken treten, nnd der Dame 
des Siegers solle fUrderhin anbestritten die Ebre bleiben, far die 
Schonste zn gelten. 

19 Mit Paris ist inzwiscben eine grosse VerSnderung vor sich ge- 
gangen. Znm grQssten Leidwesen seines Vaters halt er sich seit 
dem Turniere vom Hofe und von allem ritterlichen Leben fern 
nnd verbringt seine ganze Zeit im Hause des Bischofs von St. 
Vinzent, mit dem er befreundet ist, so dass sein Vater glaubt, 
dieser habe ibm alle Weltfrende genommen. Auch Eduard, der 
indessen den Rummer seines Freundes kennt, ist ungehalten 
darUber. Nach vielen Vorstellungen bringt er ihn endlich dazu, 
dass er verspricht, an dem vom Ktfnige ausgerufenen Turniere in 
Paris teilzunehmen. Wir werden, sagt er ihm, heimlich dahin- 
ziehen und uns nicht zu erkennen geben, denn wenn man unsern 
Stand kennt, so wird man unser nicht achten, siegen wir aber, 
ohne dass man von unserer Herkunft weiss, so halt man uns fttr 
edle Barone und wir erwerben Vienne viele Ehre, 

26 Sie reiten also in ihren weissen Rttstungen heimlich aus und 
halten sich in Paris verborgen bis das Turnier beginnt. Aber 
hier ist der Eampf nicht so leicht wie in Vienne; die tapfersten 
Ritter Frankreichs und Englands sind in grosser Zabl gekommen. 
Eduard ist zuerst auf dem Plan erschienen und bait sich wacker 
gegen mehrere Angreifer, wird aber dann von Gottfried von der 
Picardie mit der Lanze so vom Pferde geworfen, dass er be- 
wusstlos liegen bleibt, und Paris muss sehen, wie sein Freund 
gleich einem Toten hinausgetragen wird. Da sprengt er voll Grimm 
mit solcber Macht wider Gottfried; dass von dem Anprall beide 
aus dem Sattel stttrzen. Selbst bei einem zweiten Gang halt 
Gottfried nochmals stand, und erst das dritte Mai muss er den 
Kampf aufgeben. Der Gedanke an Vienne erbOht Paris' Mut, er 
bebauptet das Feld gegen eine grosse Ubermacht und wird endlich 
als Sieger vor den Ktinig gerufen. Dieser ttberreicht ihm den 
Preis: drei Fghnchen mit den Namen der drei Fr£ulein und dazu 
kostbare Geschenke von deren* VStern. Der Eo'nig zieht sich 
sodann zurtick, und die Ritter entwappnen sich, urn sich hernach 
im Palaste des Kitaigs einzufinden, wo sie den Sieger zu sehen 




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Robert Kaltenbacher 



boffen. Allein sie warten vergebens, denn Paris . hat sich mit 
Eduard heimlich auf den Weg nach Vienne gemacht, am un- 
bemerkt wieder dort einzatreffen. 

36 Hinter seinem Oemache bat Paris eine kleine Eapelle mit einem 
Altar; in der Mitte befindet sich das Bild dee Herrn, and auf beiden 
Seiten sind vergoldete Bitter zu Pferd, mit Kerzen in den H&nden. 
Hier verrichtet Paris jeden Morgen and Abend seine Gebete, hier 
h£ngt der Siegespreis vom Tarnier in Vienne, hier verbirgt er nun 
auch die Eleinodien, die er in Paris erworben. 

41 Messire Jacques hatte den Dauphin nach Paris begleitet, nun 
kehrt er in grflsster Betrttbnis zurtick, denn er hat seinen Sohn 
wieder nicht auf dem Turniere gesehen. Er stellt ibn dartiber 
zor Rede, und da dieser stets ausweichend antwortet, beklagt er 
sich bei Eduard ttber Paris, der ihm so vielen Rummer bereite. 
Er babe erst auf dem Turniere von Vienne gefehlt, und nach Paris 
sei er nun auch nicht gekommen. Seine Pferde und Falken lasse 
er vor Hunger sterben und verkehre nur mehr mit dem ver- 
wtinschten Bischof von St. Vincent, der sicherlich noch einen 
Oeistlichen aus ihm mache. Das breche ihm das Herz, 

43 Da sinnt Eduard auf Mitte!, Paris von seiner Zurtlckgezogenheit 
abzubringen und wieder zu offener Beteiligung am ritterlichen 
Leben anzuregen. Er uberredet ihn, mit ihm nach Brabant zu 
ziehen, wo er seine Dame besucben wolle, und wo sie sich viele 
Ehre erwerben ktinnten. Vielleicht vergesse dort Paris seinen 
Oram. Paris erkl&rt sich dazu bereit und rtlstet sich zur Reise. 
Er nimmt Abschied von seinem Vater und ttbergiebt der Mutter 
den Scbltiesel seines Oemacbes mit der Bitte, es weder selbst 
zu betreten, noch irgend jemand einzufttbren. Die Mutter ver- 
spricht alles, und so reiten die Freunde aus. 

47 Wahrend nun die beiden in Brabant sind, wird eines Tages 
Messire Jacques von einem heftigen Fieber befallen, das sein 
Leben erngtlich bedrobt. Der Dauphin hflrt davon, besucht ihn 
selbst und veranlasst auch seine Gemahlin Dienne nach ihm zu 
sehen. Diese kommt also mit Vienne, Isabeau und einigen Fr&u- 
lein des Hofes. Sie fragt den Eranken nach der Ursache des 
Ubels, worauf er erwidert, der Rummer wegen seines Sohnes 
habe ihn aufs Lager geworfen. Dienne redet ihm das aus, und 
schliesslich beruhigt sich Messire Jacques. Die Mutter des Paris 
ladet nun die Daupbine ein, das Schloss und die R&ume desselben 
zu besichtigen und ftthrt den bohen Besuch in die Waffen- und 
Schatzkammern, und von einem Gemache zum andern, zuletzt 




Der altfranzosiscbe Roman Paris et Vienne 



9 



anch in das Zimmer des Paris. Wahrend sie sich hier umsehen 
und die kostbaren Teppiche und Waffen betrachten, da erblickt 
plbtzlich Vienne die weisse Rttstung des Paris. Sie winkt heim- 
lich ibrer Frenndin Isabeau, ob sie dieselbe auch bemerke. „Ja", 
erwidert diese, „die Rttstung ist sebr scbfln, aber etwas besonderes 
sebe icb nicht daran". „Du hast ein karzes Gedachtnis", fltistert 
Vienne weiter, „erinnerst da dich nicht des Bitters, der auf den 
beiden Turnieren den Sieg und den Preis errang ? u „Wie du doch 
thbricht bist, solches zu sagen", antwortet Isabeau, „glaubst du, 
andere Hitter batten nicht auch weisse Rtistungen? Das haben 
viele". Aber Vienne htfrt nicht darauf, sie will sich voile Gewiss- 
heit verschaffen. Sie geht zu ihrer Mutter und bittet, sie allein 
zu lassen mit Isabeau, denn sie ftthle sich plQtzlich unwobl und 
mttsse ein wenig ruhen, und da sie vor Erregung ganz bleich ge- 
worden, verl&sst Dienne mit Paris' Mutter und den Fra'ulein des 
Hofes eiligst das Zimmer. Vienne erhebt sich sofort wieder von 
dem Bette, l&sst das Zimmer abschliessen und geht nun daran, 
alles zu durchsuchen. Sie kommt an die Thttre der kleinen Ka- 
pelle 7 findet den SchlOssel dazu ; 5ffnet und blickt hinein. Da sieht 
sie ttber dem Altare FUhnchen und Eleinodien hfingen, den Sieges- 
preis vom Turniere zu Paris und jenem zu Vienne. Die Thr&nen 
sttirzen ibr aus den Augen, sie kniet vor dem Altare nieder und 
ruft mit lauter Elage Paris herbei. Isabeau hatte zwar fttr den 
unbekannten Sa'nger und Sieger ebenfalls ein lebhaftes Interesse 
gehabt, aber durch die jetzige Entdeckung ist sie doch sehr ent- 
t&uscht. Sie macht Vienne Vorwttrfe, wie sie unvorsichtig ihrem 
guten Rufe schade ; da sie ja niemals an Paris denken konne, der 
als Vasall zu weit unter ihr stehe. Vienne entgegnet in heftiger 
Erregung, und w&hrend der Hin- und Widerrede klopft Dienne 
an die Thttre, um zu erfahren, wie es ihrer Tochter gehe. Da 
nehmen Vienne und Isabeau die drei Fghnchen und die Eleinodien 
des Paris, verbergen sie in ihren Eleidern und verlassen mit der 
Dauphine das Haus. 
56 Nach einiger Zeit, als Messire Jacques von seiner Erankheit 
ISngst genesen, kehren Paris und Eduard von Brabant zurttck. 
Wie nun Paris des Abends in der Eapelle sein Gebet verrichten 
will, bemerkt er zu seinem grbssten Schrecken das Fehlen der 
Schatze. Bestiirzt eilt er zu seiner Mutter, die aber nicht mehr 
an den Besuch denkt und beteuert, keine Seele in das Zimmer 
eingelassen zu haben. So vermutet Paris, class Diebe eingedrungen 
seien und seine Eapelle geplttndert hfttten. 




10 



Robert* Kaltenbacher 



59 In dem Aagenblick, da Vienne das Geheimnis entdeckt, bat sie 
eine tiefe Liebe zu Paris gefasst. Eines Tages wendet sie sich 
an ihre Matter Dienne: „Liebe Matter, ich mass mich docb ttber 
etwas wundern". r Und worttber, mein Kind?", fragt Dienne. 
„Darttber, dass wir MSLdchen so gar von aller Welt abgesehlossen 
sind, wie Einsiedler ; nicht einmal einen beiligen Mann haben wir 
zar Seite, der ans im Oaten unterwiese". Hocberfreut, so gate 
Regangen bei ihrer Tocbter za finden, l&sst die Daaphine sofort 
den Bischof von St. Vinzent bitten, wie Vienne es wttnscht. Dieser 
erscheint aach alsbald, and Vienne ersucht ihn, die zehn Gebote 
mit ihr darchzugehen, damit sie ihr Gewissen erforscben kttnne; 
wie er nan an das siebente Gebot kommt, da sagt sie ihm, sie 
babe unlgngst dem Ritter Paris einige Eleinodien entwendet, als 
sie mit ibrer Matter in dessen Zimmer gewesen, das beanrahige 
sie nan; er mCge docb am folgenden Tage den Ritter mit in den 
Palast bringen, sie wolle ihm dann sein Gat wieder zastellen and 
ihn am Verzeihang bitten. Ahnangslos verspricbt der gate Bischof 
ihrem Wansche za willfahren and kommt anderen Tags mit Paris 
durcb eine HinterthOre in eine kleine Rammer hinter Viennens 
and Isabeaas Zimmer. Da mass nan Paris alles gestehen, aber 
auch Vienne erklSrt sich, and bittet, ihr trea za bleiben, wie aach 
sie ibm Treae bewahren will. Paris verl&sst voll Seligkeit mit 
dem Bischof, der immer noch nichts ahnt, da er das Gespr£ch 
nicht hat htfren kflnnen, den Palast, um von da ab tffters bei 
Vienne and Isabeaa sich einzafinden. 

75 Eines Tages htfrt nun Paris, wie man in Vienne davon spricht, 
es wolle der Dauphin seine Tochter dem Sohne des Herzogs von 
Burgund verloben, und die Verhandlungen hiefttr seien bereits im 
Gange. Diese Nachricht ist ein harter Schlag fttr ihn. Er schliesst 
sich voll Verzweiflung in seinem Gemache ein, wirft sich auf sein 
Lager and klagt sich seiner Thorbeit an. WShrend er sich seinem 
Schmerze ttberl&sst, schlfift er ein. Da tr&nmt ihm, er wandle in 
einem Garten, in welchem eine Blame vor alien andern ihm wohl- 
gefiel. Er pfltickt sie ab and will sie mit sich nehmen, als plfttz- 
lich von alien Seiten Schlangen hervorschiessen and ihn verfolgen, 
so dass er die Blame zarticklassen and fliehen muss. Der Tranm 
vermehrt seine Angst, and als er nach langerer Zeit wieder bei 
Vienne sich einfindet, liest diese den Rammer sofort auf seinem 
Gesicbte, and Paris muss alles erz&blen. Vienne, obwohl selbst 
sehr betroffen, trOstet ihrenFreund und versichert, niemals einem 
andern als ihm ibre Hand za reicben. Scbliesslich erf&hrt aach 




Der ajtfranzftsische Roman Paris et Vienne 



sie durch Isabeau von dem Plane ihres Vaters, und als Paris mit 
noch bestimmteren Nachrichten kommt, da ist sie entschlossen, 
eine Entscbeidung zu wagen. Sie fordert Paris auf, sofort durch 
seinen Vater bei dem Dauphin urn sie werben zu lassen. Mit 
Furcht und Bangen geht Paris an die Vollftthrung dieser Aufgabe, 
die ibm schwieriger erscbeint als das gef&hrlichste Abenteuer. 
Der gute Messire Jacques meint zuerst, Paris habe den Verstand 
verloren, lfisst sich aber endlich durch die Bitten seines verzwei- 
felnden Sohnes bewegen, das Wagnis zu versuchen und begiebt 
sich zum Dauphin. Eaum hat er aber angefangen seine Sache 
vorzutragen, als ihn dieser in hiicbstem Zorne anfShrt : „So kannst 
du also deine scblimmen Absichten nicht linger verbergen! Ftir- 
wahr! nun sehe ich deutlich, wie es dir nur darum zu thun ist, 
die Herrscbaft ttber mein Land in deine Hftnde zu bekommen. 
Aber das soli nicht geschehen, das schwb*re ich dir, und die 
Schmach, die du mir hier anthust, solltest du "mit dem Leben be- 
zahlen." Messire Jacques entfernt sich eiligst und erz&hlt Paris 
die ganze Begebenheit; in seinem Leben habe er nie so viele 
Scbande gehabt. 

91 Da die Sache diese Wendung nimmt, bietet Isabeau alles auf, 
um Vienne dazu zu bringen, dass sie Paris aufgebe, aber Vienne 
weist dies entrtistet zurtick, und je mehr Isabeau ihr zuspricht, 
umso bitterer entgegnet ihr Vienne. Zuletzt schickt sie unter 
zornigem Weinen ihre Oespielin fort, die Honig im Munde ftthre 
und Oalle im Herzen. Sie will, von alien verlassen, ganz allein 
dem Scbicksale Trotz bieten. In ihrer trostlosen Stimmung wird 
sie noch ge&ngstigt durch einen Traum : Sie erging sich im Garten 
ihres Vaters, als pl5tzlich ein Ltfwe auf sie zukam. Eaum konnte 
sie sich noch auf einen Baum retten. Sie scbaute nach Hilfe aus 
und bemerkte Paris am Ende des Gartens, aber ein breiter Strom 
war zwischen beiden, so dass er sie nicht aus ihrer Lage be- 
freien konnte. 

94 Auf die Drohung des Dauphin bin fttrchtet Paris mit Grund fttr 
sein Leben und teilt Vienne mit, dass er sich dem Zorne ihres 
Vaters entziehen mttsse. Da fasst Vienne den Entscbluss mit 
Paris zu fliehen. Sie lfisst ihn Versprechungen ablegen bezliglich 
ihrer Person, bis sie rechtmSssig getraut seien, und will, dass 
Isabeau sie begleite. Nun wird heimlich alles zur Flucht vor- 
bereitet und durch Olivier, einen alten Freund des Paris, in Aigues- 
Mortes ein Schiff gemietet. Zur verabredeten Nachtstunde reiten 
sie aus und entkommen unbemerkt. Aber kaum haben sie Vienne 




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Robert Kaltenbacher 



binter sich, als pltttzlich ein Unwetter sich erhebt mit einem 
8tarken Regenschauer, der den ganzen folgenden Tag anb&lt. Sie 
kommen des Abends zu einer kleinen Eircbe and werden yon 
dem Kapellan frenndlich aufgenommen and beherbergt. Paris 
nimmt er zu sich nnd ttberl&sst Vienne and Isabeaa ein eigenes 
Zimmer. In aller Frtthe machen sie sich des anderen Tages auf 
den Weg. Wie sie jedoch zu dem Flusse kommen, den sie ttber- 
schreiten sollten, am nach Aigues-Mortes zu gelangen, sehen sie, 
dass die vom Regen hochangeschwollenen Wasser die Brttcke 
weggerissen haben. Olivier sacht mit seinem Pferde hinttber- 
zuschwimmen, ertrinkt aber in den Fluten. Da kehren sie be- 
stttrzt zu dem Kapellan zurtick and schicken ihn aus, im benach- 
barten Stadtchen Leute fttr eine neae Brttcke za sachen. Aber 
dieser wird plfttzlich auf dem Wege yon einem Reiter angehalten, 
der ihm erzghlt, dass der Dauphin seine Tocbter vermisse, and 
dass in kttrzester Frist eine Anzahl Reiter folge, die alles durch- 
sachen wttrden, and wer Vienne verborgen halte, sei des Todes. 
Der Kapellan eilt mit der Kunde zu Paris, aus dessen bleichem, 
verstflrten Gesicbte Vienne die Sache erf&hrt, ehe er nur ein Wort 
gesprochen. Da trtistet sie den Unglttcklichen, beschwBrt ihn 
jedoch, dass er sie urn ihrer Ehre willen auf der Stelle verlasse 
und die Flucht allein fortsetze. Sie steckt den Verlobungsring 
an seinen Finger und fleht ihn an, ihr treu zu bleiben, da Gott 
noch alles zum Glttcke wenden kQnne, und wie er schon davon- 
reitet, raft sie ihm unterThrfinen nach, er mtfge ihrer doch nicht 
vergessen, Dieser stttrmt halb besinnungslos davon, er sprengt 
mitten in die hochwallende Flut, und mit besserem Glttcke als 
Olivier gelangt er an's andere Ufer. Aber da ttberw&ltigt ihn 
der Schmerz, er f&llt ohnmSchtig vom Pferde. Einige Kaufleute, 
die von Aigues-Mortes her kommen, nehmen sich seiner an und 
bringen ihn wieder zum Bewusstsein, worauf er den Weg nach 
Aigues-Mortes einschl£gt, am sich von da nach Genua einzu- 
schiffen. 

106 Die ausgesandten Ritter haben inzwischen Vienne gefunden und 
zum Dauphin zurttckgebracht. Dieser l&sst sogleich nach ihrer 
Rttckkebr Messire Jacques ergreifen, ins Gef&ngniss werfen und 
alle seine Gttter einziehen. Vienne muss sich einem scharfen 
Verhor unterziehen, aber sie hatte den Kapellan um seine Be- 
gleitung gebeten, um einen Zeugen fttr die Wahrheit ihrer Aus- 
sagen zu haben, und so erkennt der Dauphin, dass seine Tochter 
wieder zurttckkomme wie sie gegangen sei. 



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Der altfranzoaische Roman Paris et Vienne 



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119 Nun denkt der Dauphin daran, Vienne moglichst schnell zu 
verbeiraten. Er zeigt ihr nach einiger Zeit wieder ein freundliches 
Gesicht, heisst sie alles Geschehene vergessen and giebt auf ibre 
Bitten sogar Messire Jacques wieder frei. Gleichzeitig schreibt 
er aber auch an den Grafen von Flandern, seinen Schwager, wegen 
Viennens Heirat, und dieser empfiehlt ibm den Sohn des Herzogs 
yon Burgund und den Sohn des Ktfnigs von England. Auf Wunsch 
des Dauphin und des Ktfnigs von Frankreieh verhandelt der Graf 
mit dem Herzog von Burgund. Es wird bin und her berichtet, 
von alien Seiten wird die Sache sebr eifrig betrieben, und alles 
nimmt den schtfnsten Verlauf, bis endlich Flandern dem Dauphin 
anzeigt, dass der zuktlnftige Schwiegersobn nach Vienne abreise, 
um seine Braut heimzuftibren. Davon setzt nun der Dauphin seine 
Tochter in Eenntnis. Aber Vienne erkl&rt, sie wllnscbe vorl&ufig 
tiberbaupt keinen Gemahl. Der Vater legt der Weigerung anfangs 
keinen Wert bei, wird aber docb zuletzt unruhig ; und es gelingt der 
Dauphine, durch Isabeau zu erfahren, dass Vienne sich mit Paris 
verlobt habe. Der Grimm des Dauphin ist grenzenlos : lieber will 
er seiner Tochter mit eigener Hand den Tod geben, als sie einem 
Vasallen, und dazu nocb dem verhassten Paris vermahlen, und er 
will Gott nie mehr um eine andere Gnade bitten, als dass der 
Verr&ter in seine Hande gerate. 

126 Endlich kommt der Sohn des Herzogs von Burgund mit grossem 
Geprgnge und mit vielem Gefolge an die Grenzen des Landes. 
Der Dauphin zieht ihm entgegen und geleitet ihn nach Vienne, 
wo grosser Jubel herrscht, und in der Stadt und im Palaste werden 
reiche Feste gefeiert. Aber Vienne weigert sich bebarrlich, ihr 
Zimmer zu verlassen, was man ihr auch vorstellen mag. Da 
bittet, naoh Verlauf von acht Tagen, der Dauphin voll Scham und 
Verlegenheit den Sohn des Herzogs von Burgund zu sich und er- 
z&hlt ibm, Vienne sei krank und kftnne nieht aus ihrem Gemache 
gehen, und er wisse nicht, wie lange das Unwoblsein noch an- 
halten werde. So kehrt der Freier mit seinem ganzen Gefolge 
ohne Braut wieder nach Hause zu seinem Vater zurttck. 

130 Sofort nach seiner Abreise l&sst der Dauphin zwei Zimmerleute 
kommen und befiehlt ihnen, im Palaste ein unterirdisches Ge- 
f&ngnis zu bauen. Dahinein fQhrt er Vienne und Isabeau und 
l£sgt ihnen nur Wasser und Brot verabreichen. 

132 Dieses weiss Eduard von den Zimmerleuten zu erfahren, und. 
da das Gef&ngnis an die Eircbe Unserer Lieben FrAu anstosst, 
erbittet er sich vom Prior derselben einen Platz fttr eine Eapelle 




Robert Kaltenbacher 



in der Kirche. Das Fundament wolle er selbst legen, da er dies 
gelobt habe. Es gelingt ihm, an der rechten Stelle einen Stein 
auszuheben, und so kann er rait Vienne verkehren, ihr Lebens- 
mittel verscbaffen und die Nachricbten ttberbringen, die er von 
Paris erhalten. 

136 Da nach Verlauf von sechs Monaten der Sobn des Herzogs von 
Burgund nocb keine Botscbaft ttber seine Braut erhalten, ent- 
schliesst er sich, heimlich nach Vienne zu kommen, um sich dort 
selbst zu erkundigen. Er wird aber in der Stadt erkannt and 
vom Dauphin nach dem Palaste abgeholt. Noch einmal macht der 
Dauphin den Versuch, seine Tochter umzustimmen, allein Vienne 
bleibt fest. So muss er den Sohn des Herzogs abermals abweisen. 
Diesmal jedoch will der Freier nicht ziehen, ohne Vienne wenigstens 
gesprocben zu haben, und nun sieht sich der Dauphin gezwungen, 
die ganze Wabrheit einzugestehen, will ihm aber gerne gestatten, 
Vienne im Gef&ngnisse zu besuchen. Nach drei Tagen empf&ngt 
Vienne in ibrem Gefilngnisse den jungen Hitter und mit ihm den 
Bischof von St. Vinzent. Der Edelniann ist ergriffen von ihrer 
Schftnheit und zugleich ihrer traurigen Lage, und stellt ihr alles 
vor, und bietet ihr alles an, damit sie ihm nach Burgund folge. 
Allein Vienne hat eine List ersonnen, mit der sie sich des l&stigen 
Freiers entledigen will. Sie hatte ein gebratenes Htthnchen, das 
ihr war gebracht worden, in zwei Teile geteilt und drei Tage 
lang in ihrer AchselhOhle gehalten. Nun dankt sie aufs liebens- 
wtlrdigste fttr den Besuch und die Teilnahme des edlen Barons, 
aber eine Zusage sei ihr jetzt nicht mftglich. Sie dttrfe ihn nicht 
hintergehen und wolle ihm deshalb entdecken, class sie yon dem 
harten Leben im Gef&ngnisse eine schwere Krankheit bekommen 
habe, die sich in so tiblem Geruch &ussere, dass niemand in ihrer 
N8he leben ktfnne. Dabei lockert sie das Brusttuch, und von dem 
scblecht gewordenen Htthnchen verbreitet sich sofort ein so 
schlimmer Geruch, dass der Bischof und der Sohn des Herzogs 
von Burgund voll Schrecken und Mitleid Abschied nehmen. 

147 Die Werbungen Burgunds in Vienne werden bekannt, und selbst 
in Genua htfrt Paris davon. Sofort scbreibt er an Eduard, erf&hrt 
aber, dass alles am Widerstand^ Viennens gescheitert sei, die mit 
einer List ihre Freiheit bewahrt habe. Doch wolle sie nun der 
Dauphin ihr Leben lang bei k&rglicher Nahrung in einem unter- 
irdischen Kerker gefangen halten. Diese Nachricht nimmt Paris 
alle Hoflhung, da er die Hftrte des Dauphin kennt. Und weil er 
die Ursache all ibres Ungltickes ist, ist es nicht recbt, dass er 




Der altfranzosische Roman Paris et Vienne 



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der Ruhe und Freude geniesse, er will diese freiwillig opfern und 
sein Leben lang nicht mehr froh werden. Uber Meer will er 
fahren und in feme L&nder ziehen, wo niemand mehr von ibm 
Kunde erhUlt. In einem Briefe bittet er noch seine Eltern und 
seinen Freund urn Verzeihung, nimmt von ibnen Abschied auf 
immer and besteigt ein Schiff, das ibn nacb Eonstantinopel flihrt. 
Von da wandert er allein in das Land hinaus viele Tagereisen, 
bis er zur Stadt Tauris kommt. Da kleidet er sich nach mauri- 
scher Art and verkehrt mit den Mauren, and nach einem Jahre 
ist ibm ihre Sprache so gelaufig, als hatte er sie von Eindheit 
auf gesprochen. Ein langer Bart verandert sein Gesicht, so dass 
selbst seine Eltern ihn nicht wieder erkannt batten. 

152 In Frankreich bereitet man inzwiscben ein grosses Unternebmen 
vor. Papst Innozenz hat die christlichen Ftirsten veranl&sst, fttr 
einen Ereuzzug gegen die Tttrken zu rttsten, und den Eonig von 
Frankreich zum Oberbefehlsbaber ernannt. Dieser will zuerst 
Eundschafter vorausschicken und betraut den Dauphin mit der 
Aufgabe. Der Dauphin bestimmt einen Stellvertreter fttr die Re- 
gierung seines Landes, erwaklt sich seine Gefahrten, und als 
Pilger verkleidet fahren sie von Aigues-Mortes nach dem heiligen 
Lande. Aber der Sultan hat durch seine Spione in Rom und 
Paris schon alles erfahren, l&sst den Dauphin und seine Begleiter 
in Pal&stina ergreifen und nach Alexandrien in harte Gefangen- 
schaft bringen, wo sie auf seinen Befehl jeden Tag gescblagen 
werden und ein elendes Leben ftthren. Und kein LQsegeld des 
Konigs oder Papstes kann sie wieder aus ihrem Eerker befreien. 

156 Nach Ablauf eines Jahres treibt es den Paris wieder weiter. Er 
verlSsst Tauris und wendet sich gen Sttden, kommt nach Bagdad 
und Bassra und endlioh nach Jerusalem. Auch da bleibt er nicht, 
sondern irrt umher, bis er nuch Eairo, der Stadt des Sultans 
gelangt. Hier lernt er mehrere vornehme Mauren kennen, und 
da er gut maurisch spricht, und seine feinen Manieren ihn em- 
pfehlen, ist er bei den sarazenischen Edlen gerne gesehen. Wie 
er nun eines Tages in den Garten Eairos sich ergeht, da begegnet 
er den Falknern des Sultans, die einen pr&chtigen, aber kranken 
Falken tragen und ihm eben den Abschied geben wollen, da sie 
ihn nicht heilen ktfnnen. Paris betrachtet den Falken und er- 
bietet sich ; denselben in wenigen Tagen gesund zu machen. Er 
sucht sich bestimmte Er&uter, trocknet sie an der Sonne und zer- 
reibt sie zu Pulver, das er dann dem Falken mit dem Futter 
beibringt, und nach kurzer Zeit ist des Sultans Lieblingsfalke so 



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Robert Kaltenbacher 



gesand wie je zuvor. Da wttnscbt der Saltan Paris zu sprecben 
und fragt ihn nach seiner Herkunft, worauf Paris erwidert, er sei 
als Christ in seiner frtthesten Jugend nach dem Morgenlande ge- 
bracbt worden, sei Christ geblieben, aber auf seine Heimat kflnne 
er sich nicht mebr entsinnen. Nnn nimmt ihn der Saltan an seinen 
Hof and ehrt ihn auf jede Weise, and mehrmals bat Paris Ge- 
legenheit, erfolgreiche Fttrbitte fttr die Christen des Landes ein- 
zalegen. 

160 Einmal trifft er einige Brttder des Templerordens, and da sie 
ihn ehrerbietig grttssen, knttpft er ein Gesprfich mit ihnen an and 
sagt, er habe schon titters gebtirt, welch grosse Stadte and m£cb- 
tige Herren in den Christenl&ndern seien, aber er begreife nicht, 
waram sie denn diese ihnen so heiligen Orte nicht mit Heeresmacht 
zurtickerobern. „Herr a , antworten die Brttder, „es haben deswegen 
schon viele Kriege stattgefunden, and es ist noch nicht lange her, 
dass ein vornehmer Baron von Frankreicb, Godefroy von Lanson, 
der Dauphin von Vienne, als Spion hierher gesandt wurde. Aber 
der Saltan hat ihn samt seinen Begleitern ergreifen and in Ale- 
xandrien in den Kerker werfen lassen." Keine Nachricht bJUte 
Paris mehr ttberrascben ktinnen, and obwohl der Dauphin sein 
Todfeind ist, der all sein Unglttck verschuldet, erfttllt ihn nan 
doch herzlicbes Mitleid, so dass er in diesem Augenblicke ihm 
alles verzeiht. Mit einem Male kommt ihm der Gedanke, dass 
nanmehr vielleicht die Bahn zu seinem Glttcke getfffnet sei. Er 
sucht sich anter den Brttdern einen heraas, der des Franztteiscben 
and Maariscben m&chtig ist, and fragt ihn, ob er gewillt sei als 
Dolmetscber mit ihm zu gehen, da er den Dauphin sehen wolle, 
aber nur die maariscbe Sprache verstehe. Der Bruder sagt zu, 
and Paris eilt zam Saltan, am sich ein Geleit- and Empfehlangs- 
schreiben za erbitten; er habe in Alexandrien noch einige Gttter 
za verkaufen and werde bald zurtickkehren. Der Saltan stattet 
ihn mit allem aus, and Paris begiebt sich mit dem Bruder nach 
Alexandrien, wo er von dem Kommandanten freundlichst auf- 
genommen wird. Bei diesem verkehren aach drei Tttrken, die 
Wftchter des Dauphin ; and da sie sehen, in welch hohem Ansehen 
Paris beim Saltan stebe, bezeigen sie ihm grosse Ebrfurcht and 
bieten ibm ihre Dienste an. Paris wttnscbt, die Gefangenen einmal 
besucben zu dttrfen, was ihm sofort gestattet wird. So nimmt er 
den Bruder als Dolmetsch mit and l&sst sich in das Verliess 
ftihren, in welcbem er, bleich and abgezebrt, den Dauphin and 
seine GefShrten findet. Paris lftsst ihm durch den Bruder freand- 




Der altfranzosische Roman Paris et Vienne 



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liche Worte zusprechen, and der Dauphin erzahlt, dass er aus 
Frankreich sei, wo eine liebe Gattin jetzt am ihn weine, und wie 
seine einzige Tochter auf seinen eigenen Befehl in finsterem Kerker 
harte Gefangenschaft erleide. Die Klagen des Dauphin dringen 
Paris in die Seele, mit Mtthe bemeistert er seinen Schmerz und 
verspricht, Ofters wiederzukommen. Nachdem er sich hinlSnglich 
mit den WSchtern vertraut gemacht, beschliesst er, an's Werk zu 
gehen and den Dauphin zu befreien. Er verlassigt sich des Bru- 
ders, dessen Hilfe ihm notwendig ist, und eroffnet durch ihn sein 

169 Vorhaben dem Gefangenen. Dieser verspricht, sobald er in seinem 
Lande angekommen sei, wolle er dem Befreier einen bohen Stand 
verleihen, sein ganzes Land ihm abtreten und seine Tochter ihm 
zur Gemahlin geben. Nur sein armseliges Leben wolle er fiir sich 
behalten und seine Gattin und Frankreich wiedersehen. Und er 
schw&rt dies auf das heilige Sakrament. Nun geht Paris in die 
Stadt, beschafft sich Hammer und Brecheisen und bestellt am 
Hafen ein venezianisches Schiff, das ihn nach Cypern ttberfUhren 
soil. Inzwischen hat der Bruder Wein und Speisen besorgt, und 
Paris spricht den Wachtern gegenttber den Wunsch aus, da er 
andern Tages abreise, bei ihnen froblich den Abend zuzubringen. 
Sie willigen gerne ein, und nun l&sst er ein reiches Mahl bereiten, 
starke Weine auftragen und dr&ngt sie so lange zum Trinken, 
bis sie gegen Mitternacht alle soweit sind, als er es wttnschen 
kann. Da schneidet er ihnen den Schlttsselgurt ab und sendet 
den Bruder, eiligst die Thttren zu flffnen und die Fesseln zu 
sprengen. Er selbst bewacht mit der blanken Elinge in der 
Hand die betrunkenen Mauren, doch geben diese kein Lebens- 
zeichen von sich, und ungehindert ftihrt er die Gefangenen ins 
Freie. Sie eilen zum Strande, besteigen das Schiff und segeln 
hinaus in die offene See. 

175 Glttcklich gelangen sie in Cypern an, wo sie vom Ktinig vierzehn 
Tage lang bewirtet werden, bis ein Schiff sie nach Aigues-Mortes 
ftihrt. Kaum hat der Dauphin sein Land betreten, als er auch 
sofort erkannt wird, -und wie ein Lauffeuer verbreitet sich die 
Nacbricht von seiner Rttckkehr. Da ist ein Jubel und ein Jauchzen. 
Man zttndet Freudenfeuer an auf den Hfthen, und Manner, und 
Frauen, und Kinder geleiten ihn von Stadt zu Stadt, von Dorf zu 
Dorf. Von Vienne ziehen die Ritter ihm entgegen, und der Bischof 
von St. Vinzent mit Kreuz und Fahne. Mit alien Glocken wird 
gel£utet, man singt „Te Deum laudamus", und kaum kann der 
Dauphin in die Stadt. gelangen vor dem Gedr&nge um ihn. Und 



2 




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Robert Kaltenbacher 



wie er dem Palaste sich n&hert, da eilt Dienne, die Dauphine, 
auf ihn zu, and sie umarmen und ktissen sich nnter lantern 
ScblucbzeD. 

177 Nacbdem das Freudenfest vorttber, versammelt der Dauphin 
seine Barone und erklart ihnen, dass er, seinem Versprecben ge- 
m&ss, das Land dem sarazenischen Edelmanne ttbertragen wolle, 
der ibn befreit babe. Aber Paris lgsst ihm durch den Bruder be- 
deuten, er moge sein Land noch behalten nnd ihm zuerst seine 
Tochter zur Gemahlin geben, wie er gescbworen. 

179 Da begiebt er sich in das Gefitognis Viennens, und wie er kaum 
an der Thttre erscbienen, geht sie ihm entgegen, kniet vor ihm 
nieder und ruft den Segen Gottes berab auf den Befreier. Der 
Vater hebt sie gertthrt auf, kttsst sie und erz&blt, in wie harter 
Gefangenscbaft er geschmachtet habe, und Tag ftlr Tag sei ge- 
scblagen und mishandelt worden, und dass er jetzt noch dort 
w&re und elend seine Tage beschliessen mtisste, hfttte ihn nicht 
ein maurischer Edelmann, einer der m&cbtigsten und reichsten 
des Morgenlandes, der auch Christ sei, aus Mitleid und mit eigener 
Lebensgefahr befreit. Die angebotene Herrschaft fiber das ganze 
Land habe er ausgeschlagen, verlange nun aber, wie ihm zu- 
geschworen sei, Vienne zur Gemahlin. Vienne ist tief betroffen. 
Darf sie ihren Vater meineidig machen und den edelsinnigen Mann 
zurtickweisen, der ibm das Leben gerettet und unter Zurttcklassung 
all seiner Macht und seiner Reichtlimcr ihm bis hieher gefolgt 
ist? Dies ist die schwerste aller Prttfungen. Aber sie kann nicht 
zusagen. Sie hat sich Paris versprochen, der nun ihretwegen 
ruhelos in fernen L&ndern umherirrt, ihm will sie die Treue be- 
wahren bis zum Tode. 

Der Dauphin ist aber diesmal entschlossen, Gewalt anzuwenden 
und erbietet sich dem Mauren gegenttber, sofort einen Scbreiber 
kommen zu lassen und seine Tochter zur Heirat zu zwingen, 
wttnscht aber doch, er m&cbte sich erst noch selbst mit dem Bi- 
schof von St. Vinzent zu Vienne begeben und mit ihr reden. Der 
Vorschlag gefallt Paris, und Vienne wird davon benachrichtigt, 
wttnscht aber die Unterredung erst nach ein paar Tagen, denn 
sie will den Mauren abfertigen wie vordem den Sohn des Herzogs 
von Burgund. Und da w&hrend der letzten Aufregungen der Ge- 
danke an den verlorenen Verlobten sie nicht verliess, geschiebt 
es desNacbts, dass sie ihn imTraume vor sich sieht, wie er mit 
trauriger Miene ihre Hilfe anfleht, denn er habe ihretwegen viel 
zu leiden. Als sie vor Schrecken erwacht, glaubt sie einen Schatten 





Der altfranzoeische Roman .Paris et Vienne 



vorbeifliehen zu sehen and raft Isabeaa an mit lautem Weinen: 
„Fttrwabr, Isabeaa, Paris ist tot und ist im Fegefeuer, denn 
er ist mir im Traume erscbienen und hat mich um Hilfe an- 
gefleht." Es bedarf vieler Mtthe seitens der treaen Freundin, 
am Vienne davon abzabringen. „Tr&ume sind SchSume," sagt 
sie, „du battest eben den Kopf voll von dem, was dein Vater zu 
dir redete." 

184 Die Frist, die sich Vienne erbeten, ist verstrichen und Paris, 
der Bischof und der Bruder erscheinen im Gefangnisse. Nach so 
langer Zeit siebt endlich Paris seine Vienne wieder, und in dieser 
trostlosen Zelle, wo sie jahrelang seinetwegen treu ausgeharrt. 
Er mass sich abwenden and seinen Thr&nen ^freien Lauf lassen. 
Indessen verschwenden der Bischof und der Bruder ihre Worte, 
indem sie das Unglttck des Dauphin and den edlen Sinn des vor- 
nehmen Maaren schildern. Vienne beginnt die Erz&hlung yon 
ihrer Krankheit, lttftet ihr Brusttuch, and wie frtther weichen Bi- 
schof und Bruder erschrocken zurttck. Paris steht unbeweglich. 
Da bittet sie den Bruder, er mflge den Mauren wegrufen, und 
wie er nicht von der Stelle gent, ruft sie zornig, sie werde lebend 
niemals das Gef&ngnis verlassen. Paris tritt nun zurttck, l&sst 
sie aber bitten, doch wenigstens um der Befreiung ihres Vaters 
willen ein Andenken anzunehmen. Damit ttberreicht er ihr einen 
kostbaren Ring und verla'sst mit seinen Begleitern die Zelle. 
Vienne betracbtet das Kleinod und wird von jahem Schrecken 
erfasst — es ist derselbe King, den sie in jener Abschiedsstunde 
im Hause des Eapellans ihrem Verlobten gegeben. „Nun ist es 
also wirklich wahr, Paris ist tot, und diesen Ring hat man ihm 
abgenommen, der jetzt durcb die Hande des Mauren zu mir 
zurttckkehrt. u WUhrend ihres Wehklagens tritt Paris leise ein, 
n&hert sich ihr und fragt sie in ihrer eigenen Sprache, wie ihr 
der Ring gefalle. Vienne blickt auf, sieht ihm ins Angesicht, 
erkennt ihn, und mit einem lauten Schrei f&Ut sie ohnmachtig ihm 
in die Arme. Da erwacht Isabeau, die vor Traurigkeit ein- 
gescblafen war, und der Bruder und der Bischof kommen eiligst 
herein, und Paris wird erkannt. Wa'hrend sie voll Jubel und 
Freude die beiden treuen Liebenden umstehen, stttrzt mit ge- 
zttcktem Dolche Eduard herein. Er sass gerade mit einem Fraulein 
der Dauphine beim Scbachspiele, als er den Schrei h5rte, und 
da er glaubte, es geschehe Vienne Leides, ist er herbeigeeilt, sie 
zu verteidigen. Aber Vienne winkt ihm und Eduard nimmt teil 
an der Freude des Wiedersehens. 




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Robert Kaltenbaoher 



194 Nun gehen sie alle zum Dauphin. Paris giebt sicb zu erkennen, 
und der Danpbin und seine Gemablin weinen vor Rttbrung and 
yerzeihen alles Gescbehene. Eduard hat inzwischen die Eltern 
des wiedergekehrten Paris berbeigerufen, iind es folgt die feier- 
liche Verlobung von Paris und Vienne. Ednard erh&lt auf Paris' 
Bitten das ganze Besitztum des Messire Jacques und verlobt sich 
mit Isabeau. Endlich l&sst Vienne die Kleinodien herbeiholen, 
die sie ehedem bei jenem Krankenbesuche genommen und erzftblt, 
wie Paris und Eduard es seien, die vor dem Schlosse so lieblich 
gesungen und gespielt, und die auf den Turnieren von Vienne und 
Paris als die unbekannten, weissen Ritter Sieg und Preis davon- 
getragen batten. 

Auf den Johannistag wird die Hocbzeit festgesetzt und mit 
grosser Pracht gefeiert. Der Kbnig nimmt in eigener Person 
daran teil mit vielen Baronen und Rittern. 

Nicht lange nachher stirbt der gute Biscbof von St. Vinzent, 
und Paris und der Dauphin ruhen nicht eher, als bis der Papst 
den Bruder, der aus Syrien mitgekommen war, an dessen Stelle 
setzt. Und als der Dauphin und seine Gemahlin, im gleicben 
Jabre, starben, wird Paris Herr von Viennois und herrscbt lange 
und glUcklich. 




Der altfranzosische Roman Paris et Vienna 



21 



Bibliographic *) 



I. Franzosische Texte. 



a) Handschriften. 



1. F. Die Bibliotbek zu Carpentras besitzt ein Fragment von drei 
zum Teil sehr verstttmmelten Blattern ; dieselben findeii sich unter den 
Papieren des Staatsmannes Peiresc Nr. 23 t. II, oder Catalogne g6n6ral 
Nr. 1792, fol. 286, 287, 288. Vom ersten Blatte fehlt ein kleineres 
Stttck rechts oben und links unten, fol. 287 weist nur einen schmalen 
LSngssfreifen, das letzte Viertel, fol. 288 die untere Halfte eines Blattes 
auf; die beiden letzteren sihd falseh eingefttgt, recto ist auf die Kehr- 
seite gekommen. Die Schrift des zweiten und dritten Blattes rtthrt 
von anderer Hand her als jene des ersten, auch das Papier ist ver- 
schieden, so dass wir also eigentlich Fragmente von zwei verschie- 
denen HSS vor uns haben ; sprachlich und wohl auch zeitlich gehflren 
sie jedoch zusammen. Das erste Blatt tr&gt folgende, wahrscheinlich 
von Peiresc eingeftthrte Notiz: Le roman de Godefren de Lansson 
daufin de Vienoys et de Diane sa femme fille du conte de Flandres 
et de lear fille Viana femme de Paruz filz de Jacques escript par 
Pierre de la Cypede de Marseille traslatie par Inart Beyssan. Ebenso 
das zweite Blatt: Fragment du Eoman de Godefrein de Lansson daufin 
de Viane mari de Diane fille du conte de Flandres et des amours de 
leur fille Viana auec Paris. Der Prolog beginnt ohne Uberschrift: 
(die Initiale fehlt) arlan qui mot fu saige und schliesst mit der An- 
gabe des Schreibers und des Datums : . . . pour moy Inart Beyssan 
traylatie MXXXVIII a XVII du moys de febrier 2 ). 

2. A. Paris, Bibliothhque de VArsinal Nr. 3000. Das MS umfasst 
107 Blatter in fol. mit einfachen Initialen in Gold und Faroe. Die 
Schrift ist jene des 15. Jahrhunderts. Autor und Abfassungszeit 



1) Die hier aufgefuhrten franzos. und ital. Handschriften wurden von mir 
selbst eingesehen, ausser Rice. 818, von den Ausgaben die mit * bezeichneten. 

2) Chabeneau hat auf dieses Fragment hinge wiesen in der Revue des 
langues romanes 1884, p. 211, wo sich der Prolog abgedruckt findet; zur Er- 
ganzung hat Ch. das MS herangezogen. 




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Robert Kaltenbacher 



sind nicht angegeben, wohl aber das Datum der Vorlage: 6. De- 
zember 1443, geschrieben anf Chateau d'Orgon. Eine spHtere Hand 
hat auf dem ersten Blatte folgendes Motto eingetragen: 
Avant que lhomme feat en ce bas monde ne 
pour souffrier mil maulx estoit predestine. 
Dann folgt auf demselben Blatte eine Notiz fiber die Ausgabe des 
Romans von Calvarin 1 ) und eine kurze Vergleichung mit jener Treppe- 
rels 1 ). Das Manuskript batte erst dem Marquis Francois de Ponnat, 
spater de Paulmy zugehtfrt. 

3. B. Paris, BibliotUque Nationale Fr. 1480. 201 Blatter in fol. 
Die ersten Worte der jeweiligen Kapitel nebmen liber ein Viertel der 
Seite ein. Das Blatt 123 ist erheblieh besch&digt in der Mitte, die 
Stelle ist geflickt, und recto und verso der Text spilter teilweise er- 
gUnzt. Zwischen fol. 195 und 196 fehlt ein Blatt. Die sp&ter ein- 
geftlgte Uberschrift lautet : Roman de Paris et Vienne (fille de Godefroy 
de Lanson Dauphin de Vienne) traduit en 1443 du Prouencal qui 
l'auoit este du Catalan. L'auteur parte dans l'auant propos des cro- 
niques de Lancelot, de Tristan et de Floriment. Dieselbe Hand hat 
auch die Bemerkung zu „Cbastel dorgon" am Scbluss des Prologes 
geschrieben: orgon ville en Prouence diocese d' Avignon, elle a vn 
vieux chateau ruin6 quelquesuns croyent que c'est Pancien Vgernum, 
und zu francois kurz vorher: Nota Marseillois ne se regardoient pas 
comme Francois. Der Text scbliesst mit dem Verse: 



Cest liure fust acheue le XXIX 6 iour de nouembre lan mil CCCC 
cinquante et deux. Das Manuskript stammt aus der Bibliothek des 
Marquis de Cang6 und wurde unter Ludwig XV. fllr die Bibl. Royale 
erworben. 

4. Z). Paris, Bibl Nat. Fr. 1464. 129 Blatter in fol. Auf Blatt 68 
und 69 ist wohl infolge falschen Umblfttterns von seiten des Schreibers 
grosse Verwirrung in den Text gekommen. Die HS nennt, wie A, 
bloss das Jahr der Vorlage 1443. Sie war frtiher Eigentum Baluzes. 

5. C. Paris, Bibl. Nat Fr. 1479. 98 Blatter in fol. Eine sehr 
schbne Handschrift; sie ist ziemlich sorgffiltig auf Pergament (als 
einzige) geschrieben, hat Initialen und auf jedem Blatte Randleisten 



1) s. unten bei den franzosischen Ausgaben. 



Dieu doint aux trespasses sa gloyre 
Et aux viuans force et victoyre 
Que ilz la puissent conquerir 
Cy veulh lystoyre finir. 




Der altfranzosische Roman Paris et Vienne 



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in Gold und Farbe. Eine httbsche und reicbe Miniatur in zwei Ab- 
teilungen scbmtickt die erste Seite; die obere Halfte stellt den Kampf 
des Paris und seines Freundes Eduard mit den zehn Mannern dar, 
der sicb im Garten des Dauphin abspielt, der andere Teil Vienne und 
Isabeau im Oratoire des Paris. Die Blatter 75 und 79 sind falscb 
eingefttgt. Die Innenseite des ersten Bucbdeckels zeigt die Aufscbrift: 
Traicte de Godefroy dalencon et de Paris son gendre compose par 
Pierre de la Sippade de la ville de marseille en 1432 et ecrit par 
Guillaume Le Moign en 1459, GDLR. DerSchluss desProloges lautet: 
. . . lequel commence par la main de guillem le moign le XVL» iour 
du moys de ianuier mil IIIILIX. Die Handscbrift gehtfrte erst der 
Bibliotbek Ludwigs XII. zu Blois an, kam dann unter Franz I. nacb 
Fontainebleau und unter Heinrich IV. nach Paris. 

6. JE: Briissel, Bibl. Royale Nr. 9632—9633, in fol. Der Band 
umfasst zwei Romane: Blatt 1—136 Paris et Vienne, und von 138 ab 
den Apollonius von Antiochien. Die Schrift ist bei beiden dieselbe, wie 
auch die drei sehr interessanten Miniaturen, von denen zwei auf den 
Apollonius entfallen, von dem n&mlichen Maler gefertigt sind. Das 
unserm Roman zugebtfrige Bild stellt, auf der ersten balben Seite, Paris 
und Eduard dar, wie sie, auf einer Bank im Garten des Dauphin 
sitzend, ihre „aubades a singen und mit ihren Instrumenten, einer Harfe 
und einer Art Guitarre begleiten. Unter dem Bilde folgt der Titel: 
Cy commence le liure des nobles fais de cbeualerie, fais par vng 
nomme paris, natif du daulphine et filz de vng noble gentil home et 
de grant parente, que on appelloit messire iacques. Le prologue du 
translateur. Auch im Texte sind Uberschriften angewendet und, wie 
die obigen in rot ausgeftihrt. Die Initialen sind sehr einfach. Der 
Schluss lautet: Cy fine le rommant de paris iadiz filz de messire 
iaques cheualier natif du daulphine, et depuis fut ledit paris daul- 
phin de viennois. Datum und Schreiber sind weder hier noch bei 
Apollonius angegeben, nur das Jahr der Ubersetzung, 1432, und Pierre 
de la Ceppede werden genannt. Die Schrift ist wie bei den bereits 
aufgeftthrten Handschriften aus dem 15. Jahrhundert. Uber die Ge- 
schichte des Manuskripts giebt die erste Seite einigen Aufschluss : Ce 
volume, enlev6 de la Bibliothfeque Roiale de Bourgogne apres la guerre 
de Bruxelles en 1746, et qui depuis lors a 6t6 plac6 dans la Bibliothfeque 
du Roi k Paris, a 6t6 restitu6 par la France et replace k Bruxelles 
dans la Bibliothfeque de Bourgogne le 7 ianvier 1770. 

7. 8. Paris, Bibl. Nat. Fr. 20044, 4°. 56 Blatter, wovon das 26. 
verstttmmelt ist, und ein anderes, zwischen 48 und 49 ganz fehlt. Das 
Manuskript hat Kapitelsttberschriften und ist sehr schlecht geschrieben, es 




24 



Robert Ealtenbacher 



dthrfte ebenfalls noch dem 15* Jahrbundert angehifren. Der Titel ist 
nachtrSglich eingeftigt: Histoire de Gaudefroy d'Allencon Dauphin de 
viennois, et de Dyane sa femme fille du comte de flandres en forme 
de romant Der Text beginnt hier ohne Prolog mit den Worten: An 
temps du roy Charles, roy de france..., und schliesst: Scriptor qui 
scripsit cum xpo viuere possit. Nach dieser ttblichen Formel folgt in 
anderer Schrift: Le tout vostre amy seruiteur pbre ppp gpupps qui 
scrys. Andere Angaben fehlen. Das erste Einlageblatt trSgt die biblio- 
graphische Notiz: Ex bibliotheca MSS. Coisliniana olim Segneriana quam 
illust. Henricus du Cambout, dux de Coislin Par Franciae, Ep. Metensis 
etc. monasterio S. Germani a Pratis legavit Anno MDCCXXXII. *) 

b) Ausgaben 2 ). 

*1. Die erste bekannte franz<5sische Ausgabe ist gedruckt zu 
Antwerpen 1487 von Gherard Leeu 8 ). Das Bttchlein hat 39 Blatter 
in 4° zu zwei Golonnen und eine Anzabl Holzscbnitte, welche Szenen 
aus dem Texte darstellen. Das erste Blatt trfigt in spater Schrift den 
Prolog des Pierre de la Cypede nach HS B und die vier Schlussverse, 
die sich dort finden, mit der Bemerkung: i'ay extrait ce qui precede 
d'un' ancien manuscrit en prose (in 4° sur qui papier) qui mapartient. Es 
folgt noch ein Hinweis auf Jean Pinus Thoulouzain 4 ). Der Text selbst 
beginnt: Cy commence histoire du tresuaillant cheualier paris et de 
la belle vienne fille du daulphin lesquelz pour loyaulment amer 
souffrirent moult daduersitez auant quilz peussent iouyr de leurs 
amours. Der Sdhluss lautet: Gy finist listoire du vaillant et noble 
cheualier paris. Et de la belle vienne fille du daulphin de viennois. 
Emprientee en Anuers Par moy Gherard leeu. Lan mil CCCCLXXXVII 
le XV e iour du mois de May. Das einzige bekannte Exemplar dieses 
Buches besitzt die Bibl. Nat. Paris Nr. Y 2 , 222. 

2. Die n&chste franzOsische Ausgabe erschien wohl zu Parts s. d. 
bei Denis Meslier, gegen 1500 : Par. en la rue de la herpe a lenseigne 
du pilie vert in 8°, 41 Blatter mit Holzschnitten. Es folgen sodann: 



1) Crescimbeni (Delia storia e della ragione d'ogni poesia, Bol. 1739, IV 
435) spricht von noch einer Handschrift, die der Bibl. Royale zu Paris an- 
gehore, Verse aufweise und das Datum 1487 trage, doch kann das nur eine 
Verwechslung mit der Antwerpener Ausgabe sein. 

2) samtlich bei Graesse, Tr6sor etc., Dresde 1864, V 134. 

3) Le cheualier Paris etc. gehSrt zu den ersten Ausgaben, die Gh. Leeu 
in Antw. veranstaltete, da er erst 1484 von Gonda nach Antwerpen Ubersiedelte. 
Vgl. Lambinet, Origine de rimprimerie, Paris 1810, II p. 271. 

4) lat. Bearbeitung, s. unten. 



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Der altfranzosischc Roman Paris et Vienne 



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3. Lyon 1520. Bei Claude Nourry alias le Prince a Lyon sur le 
rosne pres nostre dame de confort. 40 Bl. in 4° mit Hschn. 

*4. Paris s. d. bei Simon Calvarin, rue S. Jacques a lenseigne 
de la Rose blanche couronnee. Eine bibliograpbiscbe Notiz auf dem 
Einlageblatt der HS A setzt diese Ausgabe vor jene Trepperels. 
Das Buch findet sich in der Arsenal-Bibl. zu Paris Nr. 13154 BL. 
8°, 2 Col. 

5. Paris s.d. bei JebanTrepperel marchant imprimeur et libraire 
demourant en la rue nostre dame a lescu de France. 32 Bl. m. Hschn. 
Graesse a. a. 0. giebt an als Datum: nach 1525, Deschamps et 
Brunet 1 ): gegen 1520. 

*6. Paris s. d. Ausg. von Jehan Bonfons libraire demourant en 
la Rue Neufue nostre dame a lenseigne sainct Nicolas, in 4° m. Hschn., 
eine unansebnliche Ausgabe. Bibl. Nat. Paris Y 2 235. 

7. Paris s. d., en la rue Neufue Nostre Dame a lenseigne de 
Tescu de France par Al. Lotrian. 4° in 2 Col. m. Hschn., gegen 1530. 

*8. Lyon s. d. bei Jacques Moderne diet Grand Jacques pres 
Nostre Dame de Confort. kl. 4°, 44 Bl. m. Hschn., nach Deschamps 
et Brunet aus dem Jahre 1530, nach dem Catalog des Brit. Mus. 
1540? Brit. Mus. C 47. d. 1. 

9. Lyon 1554 bei Francois et Benoist Chaussard. 44 Bl. in 4° 
m. Hschn. 

*10. Lyon 1596 bei Ben. Rigaud. 63 Bl. in 8° m. Hschn. Ein 
Exemplar in der Bibl de TArs6nal. Par. 

*11. Troyes s. d. bei Nic. Oudot. in 8°. In der Bibl. Nat. zu Paris 
befindlich, Y a 223. 

* 12. Eine Ausgabe aus neuerer Zeit ist jene von Alfred de Terre- 
basse, Bibliothekar zu Grenoble, im Jahre 1835 (Paris) veranstaltete. 
Nur 123 numerierte Exemplare, sind gedruckt worden, darunter drei 
auf Velin ; Nr. 90 befindet sich im Brit. Mus. 839. h. 30. Dem eigent- 
lichen Text ist eine Einleitung vorausgeschickt, welche ganz allgemein 
den Erfolg des Romans durch die zahlreichen Ausgaben behandelt, 
und einzeln die Ausgaben von Treviso 1482, Westminster und Ant- 
werpen anftihrt, dazu noch die lat. Bearbeitung. Weiterhin entwickelt 
Terebasse, wie er nach Vergleichung einiger Drucke mit den Hand- 
schriften auch hier best&tigt gefunden babe, dass die alten Ausgaben 
gewohnlich die schlechtesten Texte bSten, als die billigsten, welche 
die Buchdrucker bekommen konnten. Es folgt sodann eine kurze 
Beschreibung der HSS ABCDS; F und E hat der Verfasser nicht ge- 



1) Manuel du libraire Supplgm., Par. 1880, p. 151. 




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Robert Kaltenbacber 



kannt. Hierauf wird der Text gegeben, hergestellt nach C unter Zu- 
ziehung der tibrigen HSS, ohne varia lectio und selbst obne Kenn- 
zeichnung der Korrekturen. Der Herausgeber wird ttberbaupt schwerlich 
eine wissensehaftlicbe Ausgabe haben veranstalten wollen. 



1. Ca. Florenz, Bibl Riccardiana 2919. 98 Blatter 8°, Papier. 
Blatt 1—70 enthfilt den Roman Parigi e Vienna in Prosa *), 71—87* La 
dama sanza mercede 2 ), 87 v — 97 Di due che parlanano damore sendo 
nel letto*). Die beiden letzteren Sttlcke sind in Terzinen abgefasst. 
Auf dem ersten, leeren, Blatte bat wabrscbeinlicb Salvini folgende 
Notiz eingetragen: Romanzo di Parigi e Vienna breue, pulito, onesto, 
tradotto dal Franzese in Toscano da Carlo di Piero del Nero 4 ) Tanno 
1476 in firenze al quale vi sono aggiunti due poemetti in terza riraa 
tradotti dal medesimo a Monpolieri l'anno 1471, l'uno intitolato la 
Dama sanza merzede, Taltro una quistione di due che parlauano 
d'amori. Vi sono seminate alcune maniere e parole Franzesi, e vi fc 
da imparare nel fatto della lingua. E i sentimenti sono bizzarri. Der 



1) Den Irrtum bei Melzi, Graesse, Brunet etc, als sei Parigi e Vienna in 
terza rima abgefasst, hat Crescimbeni (Delia storia e della ragione d'ogni 
poesia, Bol. 1739, IV 435) veranlasst. 

2) Zuerst herausgegeben vonFanfani (Borghini,,Giornale di filiologia, t. Ill), 
spater durch Werner Soderhjelm (Revue des langues romanes 1891, p. 95), der 
die Publikation Fanfanis nicht kannte. Vgl. Rivista critica della lett it. 1891, 
col. 148 u. 190. Die Dama sanza mercede ist eine tJbertragung von Alain 
Cbartiers Gedicht: La dame sans merci. 

3) ed. Arlia, La fabula del Pistello d'Agliata e la Quistione d'Amore, 
Bol. 1878; 8°, ferner Angelo Bruschi, Due che parlauano d'amore sendo nel 
letto, Firenze 1890; vgl. Giornale storico della lett. it. XV (1890), p. 478. Auch 
bier hat del Nero ein Gedicht Cbartiers vor sich gehabt: Le dGbat reveil matin. 
Vgl. Rom. XXI (1892), p. 312. Bruschi hat fur seine Ausgabe den Cod. Ma- 
ruccelliano A 101 zugrunde gelegt, welcher nur die dama s. m. und die quistione 
enthalt, von Salvini geschrieben und mit Noten versehen. 

4) Von Carlo del Nero ist sonst nichts bekannt ; er scheint in Montpellier 
Medizin studiert und daneben sich mit der Litteratnr befasst zu haben. Parigi 
e Vienna hat er in seiner Heimat, Florenz, geschrieben; es ist wahrscheinlich, 
dass er einen franzftsischen Text dahin mitgebracht hatte. Sein Vater ist Pier 
del Nero mit dem Beinamen Veniziano, Sohn des Filippo del N., Verfasser einiger 
Novellen und Fazetien, nicht zu verwechseln mit Simone del Nero s. unten p. 27, 2. 
Vgl Palermo, I manoscritti Palatini, Firenze 1853, I 654. 



II. Italienische Texte. 



a) Handschriften. 




Der altfranzosische Roman Paris et Vienne 



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Text beginnt mit der Rubrik (die Jfy sind durch den ganzen Text 
durchgeftthrt, ohne Initialen): Questo libro si chiama pans e Vienna. 
Nel tempo del re Charlo secbondo di Francia nobilissimo principe era 
nella terra del dalfinato vna citta ehe par suo nome si chiamaua e 
anchora chiama Vienna etc. Der Scbluss des Romans ist : . . . e feciono 
bonestissima vita e alia fine morirono in nno anno a qnali iddio abia 
dato perfetta salaazione e chosi fini la loro ventura deo gratias. 
Dann: finisce il libro di parigi e Vienna traslato di francese per 
cbarlo di Piero del Nero in toschano deo gratias lanno 1476 in firenze. 
Das Buch war frtlher im Besitze Salvinis und des Alessandro di An- 
drea Cavalcanti zu Florenz 1 ). 

2. Florenz, Bibl. Palatina 365 2 ). 80 Blatter 8°, Papier. Die vier 
letzten Blatter sind weiss. Das erste Blatt tr&gt eine Initiate in Gold 
nnd Farben nnd auf dem nntern Rande das Wappen der Familie der 
Pieri in Florenz. Die Handscbrift nmfasst die nSmlichen drei Sttlcke 
wie der Cod. Riccardiano 2919, dessen Copie sie ist 3 ): Romanzo di 
Parigi e Vienna 1— 54 v , la Dama sanza merzede 55 r —69 r , Quistione 
d'amore 69 v — 76 r > die beiden letzteren wieder in Terzinen. Auf fol. 54 v 
sind folgende Angaben vom Scbreiber gemacht: E chopiato per me 
Raffaello di Piero di Gio: Pieri. A' 5 di dicembre 1489 cbe il di lo 
fini di tutto. Abnlich fol. 69 r und 76 r . Auf dem Einlageblatt zu 
Anfang heisst es: Questo libro fe di Piero di Simone del Nero 4 ), 
corapro lire 2 addi 26 di maggio 1581. Der Text selbst beginnt 
folgendermassen : Questo libro si chiama parigi e Vienna, der Anfang 
der Erz&hlung lautet: Nel tenpo de rre charlo sechondo di francia nob. 
princ. etc. wie oben, ebenso der Scbluss. Das Buch ging von Piero 
di Simone del Nero liber auf die Bibliotbek der Guadagni, spacer auf 
Gaetano Poggiali. 

3. Florenz, Bibl. Riccardiana 818. Dieser Codex entbSlt nur den 
Roman von Paris und Vienne, aber in anderer Fassung als die 
vorigen. Als Ubersetzer ist genannt Antonio do* Folcholieri da 
Pistoia 5 ). 



1) Soderhjelm in der Revue des langues rom. 1891, p. 95. Vgl. auch 
Bruschi, Due ohe pari, etc., Avvertenza. 

2) Gentile, I codici Palatini, Roma 1889, I p. 562. 

3) SBderhjelm a. a. 0. 

4) Gelehrter Bibliophile, gest. 1598. Palermo a. a. 0., Gentile a. a. 0. 
und I, XLIX not. 28. 

5) Die Angabe tiber diese HS verdanke ich der Freundlichkeit des Herrn 
Professor Rajna, welcher mich auch auf die Handschr. der Laurenziana auf- 
merksam machte. 



L 



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Robert Kaltenbacher 



4. Florenz, Bibl. Laurenziana Plut. 89 inf. Nr. 63. 99 Bl. 4* zu 
2 Col. Papier. Der Codex enth&lt zwei von der n&mlichen Hand ge- 
schriebene Prosaromane, zun&chst Bl. 1— 77 r : Incbomincia i libro ella 
storia del dalfioo die vienna e dalorino ehome fe grandi fatti darme in 
francia e in moltti paessi cbome la storia narera seguendo per ordine in 
prima. Hierauf folgt die Erzfthlung: Rengiando federigcho imperadore 
di roma e rre dangcberia negli anni di cristo mille uno anendo autto 
ne reame dungcheria molte guerre cho glinfedeli e autto il sno atentto 
di tutte auia uno suo barone sotto posto il cui auia nome dalfino di 
vienna che molto fortte erra di persona e di gientte etc. Der Text 
ist in Kapitel eingeteilt mit Uberscbriften. Der Schluss lautet: finitto 
i cbantari di pari s si di vienna e del chontte alorino di monberi amen 
e deo gratias. Dann folgen 5 sebr scblecbt gesebriebene Verse, die 
ich nicbt vollst&ndig entziffern konnte. Auf Bl. 78 r beginnt der zweite 
Roman — 99* : Enchonmincia la storia de re tibaldo darabia ehome 
passo la prima voltta in eristianitta con grande numero dinfedeli e 
presse la magiore partte de ponente perche i maganzessi auano tolto 
la singnioria a charllo mangnio e teneuano la cborona de francia per 
questa chagione non ebbe tibaldo darabia alchuno contradio per 
cbagione de maganzessi. Nach dieser Rubrik: rengiando charllo 
mangnio rre di francia enperadore di roma negli anni ochorentti otto 
cientto ventti uno. . . Der Schluss heisst: E io aldolieri citadino di 
schalona fui presente a tutte queste cose none tratto piu de fatti de 
rre tibaldo. percbe amalai e rimasimi nella citta dinimizi ebon questo 
aquisto edio lo diedi a rre arpirotte di nimizi chello voile tenere asse 
per vedere la grande posanzza chebbe i rre tibaldo darabia qui finicie 
la quisto che fe in ponente la prima voltta che passo. — Edio 
amoretto di parigi quando aquisto gugialmo doringha nimizzi mi 
trouai cholui e trouamo questo libretto nel palaggio de re arpirote 
edio prche sapeuo larabescbo lo traslatai darabescho in franciosso e 
portamello nella citta di parigi. — Edio anselmo de fra giouanni sendo 
in parigi trouai questo libretto in chasa uno parigino e sapiendo il 
franciosso lo traslatai in taliano esimello arechai in frnzze quando mi 
parti di li a di ventti del messe di maggio negli anni mille dugientto 
undici. Amen. Amen deo grazias. 



1. Tarvisol482, per Maistro Michiel Manzolo de Parma. 4°. defekt. 
Titel: La historia de li nobilissimi amanti Paris et Vienna. 



1) Graesse, Tr6sor a. a. 0. 



b) Ausgaben 1 ). 




Der altfranzSsische Roman Paris et Vienne 



29 



*2. Venezia 1492, von Joh. da Trino: Innamoramento de Paris 
et Viena. 4°. Brit. Mus. 6. 9913. 

*3. Venezia 1496: commincia la elegante et bella bistoria de li 
nobilissimi P. et V. 4°. 

* 4. Venezia 1504, von Joh. de Tridino. 4°. Im Brit. Mus. Nr. C 62 b. 24. 

*5. Venezia 1511 bei Piero de Quarengii da Bergamo. 4° m. 
Hschn. Im Brit. Mus. 12410. e e. 9. 

*6. Venezia 1512, bei Joh. Tacuino cla Trino. 4° m. Hschn. Brit. 
Mus.. C. 40. c (4). 

*7. Slilano 1515, bei Andr. de Bracbis. 4°. In der Bibl. Nat. 
Par. Y 2 224 und Brit Mus. C. 39. e. 17. 

8. Venezia 1519, bei Marchio Sessa et Pietro de Ravani compagni. 4 ft . 

*9. Venezia 1522, 4°. Brit. Mus. 1074. h. 24 *). 

10. Venezia 1534, 4°. 

11. Venezia 1537, de Tortis 2 ), kl. 8°. 

*12. Vinegia 1543, bei Francesco Bindoni et Mapheo Pasini. 8°. 
Brit. Mus. C. 39. a. 7. 

13. Venezia 1544, bei Venturino Roffinello. 8°. 2 ). 

*14. Milano 1547, durch die heredes de Vincenzo de Medda. 8°. 
Bibl. Nat. Paris T 2 225. 

15. Milano 1547, bei Antonio da Borgo. 8°. 8 ). 

16. Venezia 1547, Agostino Bindoni. 8°. 

17. Venezia 1549, Agostino Bindoni. 8*. 4 ). 

18. Venezia 1578, 8°. 

*19. Verona 1603, 8° m. Hschn. 5 ). Brit Mus. 12403. a. 18. 

20. Venezia 1622, 8°. 
*21. Trevigi 1655, 8° m. Hschn. Brit. Mus. 12450. a a. 6. 
♦22, Milano 1698 (?), 8°. Brit. Mus. 12410. a a. 23. 
Hiezu kommen nun noch Bearbeitungen durch italienische Dichter: 
1. a. Die Oktaven-Redaktion des Mario Teluccini, genannt il Ber- 
nia, Genova 1571 bei Ant. Bellone. 4°. 

b. eine weitere Ausgabe, Venezia 1577, 8°. 
. 2. * a. in neuerer Zeit unter dem Titel : Amori di Paris e Vienna, 
racconto in ottava rima del Pastore Poeta 6 ), zu Florenst bei Salani 
1873, 16°. Brit. Mus. 11436. a. 

1) nirgends erwabnt. 

2) Deschamps et Brunet, Manuel du Libraire Suppl6m. II, Par. 1880, p. 153. 

3) Melzi, Bibliografia dei romanzi d'ltalia, Mil. 1838, p. 360. 

4) Melzi, Bibl. p. 302. 

5) sonst nicht erwabnt. 

6) wabrscheinlich einfach Neuausgabe des Mario Teluccini mit verandertem 



Namen. 




Robert Kaltenbacher 



*b. 1889 weitere Ausgabe desselben, 8°. 
*c. 1898 ebenso. 

3. a. Roma 1626, bei Lod. Grignani eine andere Bearbeitung in 
Oktaven von Angelo Albano di Orvieto: Innamoramento di doi fide- 
lissimi amanti. 12°. 

b. Davon neuere Ausgaben: Venezia 1816 und 

c, Venezia 1823, 12° m. Hschn. 

Vielleicht gehtirt ancb bieher der bei Melzi l ) angegebene Roman: 
La notabile et famosa historia del felice innamoramento del Delfino 
di Francia; tradotto dalla lingna normanna da M, Qiulio Philoteo di 
Amadeo Siciliano, Venezia (Tramezzino) 1562 und 1609. 

III. Spaiiische Ausgaben erscbienen: 

*1. 1495 Gerona bei Diego de Gumiel: Paris e Viana 2 ). Mit sehr 
httbschem Titelblatt, zwei sprnngbereite Lbwen darstellend, in der 
Mitte ein Wappen mit dem Titel. Ein Exemplar in der kOnigl. Biblio- 
thek za Eopenbagen. 26 Bl. Bl. 4 and 5 fehlen. 8°. 

* 2. Eine weitere Ausgabe : Burgos 1524 bei Alonso de Melgar, 
24 Blatter, 8°, mit einem Hschn. 8 ). Der Titel lautet : La ystoria del noble 
cauallero Paris y de la muy bermosa donzella Viana. Der Anfang: 
Comien$a la historia de Paris y Viana: laqual es muy agradable y 
especialmente para aquellas personas que son verdaderos enamorados : 
segun que se sigue en la presente obra. Schluss : . . . y hizieron 
tantas noblezas que se cree que seran sanctos en parayso en la gloria 
de dios para siempre jamas. Amen. Fue impresso el presente libro 
de paris y viana en la muy noble y mas leal oiudad de Burgos por 
Alonso de melgar. Acabose a VIII dias del mes de nobiembre Ano 
de nuestro saluador jesu christo de mil y quinientos y XXIIII Anos' 
Das einzige bekannte Exemplar findet sich im Brit. Mus. Nr. C. 7. 



IV. Auch in katalanischer Sprache ist der Roman gedruckt 
worden : 

Historia de los amors e vida del cavalier Paris et de la infanta 
Viena (!) *). Mariano Aquil6, Bibliothefcar in Barcelona soli das einzige 
bekannte Exemplar besessen haben, doch ist in seinem Nachlass 
das Buch nicht zu linden, wie mir Herr Pl&cido Aquil6 gtitigst 



1) a. a. 0. p. 203. 

2) Haebler, Typographic ib6rique du 15* Steele. Leipzig 1900. Mit 
Facsimile des Titelblattes. 

3) Biblioteca de autores espanoles, libros de caballerias, p. LXXXI. 

4) Biblioteca de autores espanoles a. a. 0. Deschamps et Brunet, Manuel 
da libraire SuppUm. II, Par. 1880, p. 153^ Bulletin du bibliophile, 1861 p. 279. 



a. 17. 




Der altfranzosische Roman Paris et Vienne 



31 



mitgeteilt hat. Es feblte dem Buche das letzte Blatt und damit die 
nabere Angabe liber Druckort und -Jahr. Auf dem Titelblatt war 
in einem Rahmen das Bild des Pelikans, der liber sechs Jange seine 
Flttgel ausgebreitet hat. Im Rahmen selbst las man die Umschrift: 
Jhesus Maria: similis factus, sum pelicano solitudinis, die andere Seite 
des Blattes zeigte einen Mauren zu Pferd und in Eampfbereitschaft. 
Obige Darstellung des Pelikans findet sich nun samt der Umschrift 
genau wieder im Gan^oner de los obretes en nostra lengua 1 ), wo 
dieselbe nach einem alten Drucke des Johan Joffre in Valencia 2 ) re- 
produziert ist. Danach stammte die katalanische Ubersetzung wohl 
ebenfalls aus Valencia. 

V. £ngli8che Ausgaben ') : 

*1. Westmestre 1485, von William Caxton: Thystorye of the noble 
ryght valyaant and worthy knight Parys and of the fayr Vyenne 
the daulphyns doughter of vyennoys. 35 Bl. in fol. zu 2 Col. Ein 
Exemplar in Brit. Mus. Nr. 10. b. 10., wahrscheinlich das einzige noch 
erhaltene. Es stammt aus der Bibliothek Lord Oxfords, wurde 1773 
von Georg III. aus der Bibliothek James Wests erworben und ist 
spgter dem Brit. Mus. zugefallen. 

2. Antwerpen 1492, 23. Juni, gedruckt von Gerard Leeu. 40 Bl. 
zu 2 Col. Hschn. fUr jedes Kapitel: Thystorye of the right noble 
and worthy knyght parys and of the fayre vyenne the dolphyns 
doughter of vyennoys. Schluss: translated out of frensshe in to 
Englysshe by William Gaxton at westmestre and prentyd by me 
Gerard Leeu in the towne of andewarpe . . folgt obiges Datum und 
das Druckzeichen Leeus 4 ). 

*B. 1510 s ) hat Wyrikyn de Worde, ein Schtller Caxtons eine 
JSeuaaflage des Caxton-Textes veranstaltet; doch ist hievon nur der 
Bogen c in 4 Bl&ttern erhalten und im Brit. Mus, 12512. d. 14. 

4. London 1618 (?) von Richard Hawkins. 95 BL 4°. Hier haben 
wir eine Bearbeitung vor uns mit eingelegten Versen. Der Titel heisst: 
Vienna. Wherein is storied y e valorous achievements, famous triumphs, 
constant love etc. Das Buch ist mit einem Motto versehen: Noe art 
can cure this hart. 

1) Barcelona 1873. 

2) Die Unterschrift lautet: Estampades en la molt noble ciutat de Valencia 
p Johan Joffre. 

3) Hazlitt, Hand-Book to the popular etc. literature, London 1867, p. 438. 
Hazlitt, Paris and Vienne, Roxeburghe Library 1868, Preface, und Blades, Life 
and Typography of W. Caxton, Lond. 1861, II p. 180. 

4) Hazlitt, Collections and Notes, Lond. 1876, p. 318. 

5) nach Hazlitt und Blades. 




32 



Robert Kaltenbacher 



5. London 1620. N. Okes for John Pyper. 4°. Wie 4. 
*6. London 1621 (P), Alsop. 4°. Von T. M. (Mainwaring) der 
Gr&fin Lucie von Bedford gewidmet 1 ). Verseinlagen nnd Motto wie 
bei 4. Titel: The honor of true love and knighthood, wherein are 
storied the noble atchievements etc. Brit, Mus« C. 40. c. 20. 

7. London 1650. William Leake 90 Bl. 4°. 

8. London 1650 (?). George Percivall 96 Bl. 4°. Beide wie 4. 
*9. London 1868. Dies ist eine Nenausgabe des Caxton-Druckes 

nnd tragt auch dieselbe Uberschrift wie jener; sie ist in 200 nume- 
rierten Exemplaren aufgelegt, wovon das Brit. Mus. eines besitzt: 
12203 K. Als Verfasser nennt sich W. C. H. (William Carew Hazlitt). 
In einer Einleitnng bespricht H. die ersten Ausgaben, die englischen 
Drucke nnd die lat. Uberarbeitung, endlich weist er hin anf Citate 
bei Skelton nnd Bishop Donglas nnd eine dramatische Darstellnng 
des StofFes. Anf den Text folgen ein knrzes Glossar und Noten, auch 
eine Seite des Caxton-Textes ist in Facsimile beigegeben. Die franzds. 
Handschriften kennt H. aus Terrebasses Ansgabe. Der Roman ist 
nach seiner Ansi^ht nm 1430 ans dem Catalanischen in das Proven- 
zalische, und im Jahre 1459 aus dem Provenzalischen ins Franzbsische 
ttbersetzt worden. Uber das Verh&ltnis der Handschriften und Aus- 
gaben ist sich H. ebensowenig klar wie Terrebasse. 
VI. Flamische Ausgaben. 

1. Antwerpen 1488, von Gerhard Leeu, den 19. Mai 2 ). 36 Bl. zn 
zwei Col, in 4°, mit Holzschnitten, die von Lambinet 8 ) sehr gertihmt 
werden: Der Titel lantet: De historie van den vromen riddere parijs 
ende van die schone Vienna des dolfijns dochter. 

2. ebenfalls Antwerpen*) s.d., 56 Bl. m. Hschn. 4°: Hier beghint 
die historie vanden seer vromen ridder Paris ende vandie schone 
Viennen des dolphijns dochter. die welcke on getrouwe lieften wille 
veel wederspoets leden al eer sij haer minne ghebruycken mochten. 
Schlnss: gheprent Tantwerpen buten die Camerpoert bi mi Gouaerdt 
back int Vogelhnys 4 ). 

*3» Antwerpen 1510*). in fol. Een seer schone ende suverlike 
hystorie van den vrommen ridder Parys ende van die schone Vienna des 



1) vgl. Hazlitt, Collections and Notes, Lond. 1876. p. 319. 

2) Graesse, Tr6sor a. a. 0. Vgl. Campbell, Annales de la Typogr. n6er- 
landaise p. 261. 

3) Origine de rimprimerie etc., Paris 1810, II p. 271. 

4) Bibliophile Beige, II p. 247. Backs Ausgaben fallen zwischen 1494 
und 1511. 

5) sonst nirgends erwahnt. 




Der altfraftztfsische Roman Paris et Vienna 



Dolphyns dofehter. Im Katalog des Brit. Mas. dem Henr. Eckert van 
Homburch zageschrieben. Brit. Mas. G. 20. e. Drnek and Hschn. 
genaa wie bei Gerhard Leea. 

VII. Die sekwedigehe Angabe l ) trBgt weder Datam noeh Draek- 
ort; sie seheint gegen Eade des 15. Jahrhanderts gedrackt worden 
za sein. Ifcr Titel laatet: ftiddar Patis och Jungfru Vienna: Her 
btirias en lasteligh historia aff en eddela Riddar i Frankarike ther 
beet Paris. 

*VIII. Eine lateinische Bearbeitung erscMen 1516 za Venedig 
unter dem Titel: Ad nobiles et egregios adolescentes Antoniam et 
Gailelmam Pratos illastrissimi viri D. Antonii Prati magni Galliarum 
Cancellarii daleissimos liberos Allobrogicae narrationis libellus. Der 
Schlass laatet: finis Allobrogicae narrationis liber per Joannem Tolo- 
aannm senatorem et oratorem regium Venetiis editas: finit impresses 
primam per Alexandram de Bindonis anno domini 1516 XII calendas 
deeembres. Et rarsas per Jodocam Badium in inclyta Parrhisiorum 
academia impensis Joannis parui: Eodem anno ad VIII Calendas 
Aprilis. Dem Text geht eine allgemeine Betraehtang voraas. Der 
Verfasser ist also der wohlbekannte Jean de Pin, Bischof von Rieax 
and Gesandter Franz I. bei der Republik Venedig. Das Bttchlein, 
55 Bl. in 8°, findet sieh noeh in der Bibl. Nat. za Paris, Y J 226 and 
im Brit. Mas. C. 39. e. 9. 

IX. Auch eine armeiiische Bearbeitung ist handscbriftlich in der 
Bibl. Nat. za Paris. Sie stammt ans dem Jabre 1581 and trfigt den 
Titel: Der Bitter Paris and die schttne Vienne *). 

Graesse s ) berichtet von einer dentscken Bearbeitung des Romans 
dorch Konrad von Wtirzborg; es bandelt sieh dabei am ein Gedieht 
in der frtther Konrad von Wttrzbarg zageschriebenen Samrolang, 
Band 2885/ y 119 *) der Wiener Hofbibliothek. Das fragliefae Stuck 
befindet sieh auf foL 61 T —67 V : hie hebt an diu red von paris von 
zwain lieben wa lieb mit lieb wird gewent ete. Doch steht der Stoff 
dem nnsrigen fern 5 ). 



1) Lenstrtfm, Svenska Poesiens historia, Orebro 1839, Deel I p. 134. 

2) Neumann, Gesch. der armen. Litt., Leipzig 1886, p. 232. 

3) Litt Gesch., 1842, nil. p. 3; die grossen Sagenkreise, Dread, u. Leipz. 
1842, p. 888; Tresor de livres rares, Dresde 1864, V p. 184. 

4) Hoffmann von Fallersleben, altdeutsche HSS der k. k. HofbibL zu Wien, 
Leipz. 1841, p. 93 — 96 j Hagen, Grundriss zur Gesch. der Deutsohen Poesie, 
fieri 1812 p. 321. 

5) Nach einer freandlichen Mitteilang des inzwischen gestorbenen Gustos 
der k. k. H. B., Herirn Dr. Gtfldlin v. Tiefenau. 



3 




34 



Robert Kaltenbach^r 



Ebenso ist Prices Angabe 1 ), es sei der Roman 1306 auf Befehl 
der Kttnigin Euphemia aus dem Deutschen ins Schwedische ttbersetzt 
worden, nachdem Kaiser Otto (!) die Obersetzung aus dem Wftlschen 
jns Deutsche veranlasst babe, als seltsam abzulehnen. 

Yergleichung der Handschriften nnd Ausgaben* 

a) Oruppierung des gesamten Materials. 

Das gesamte Material verteilt sich auf zwei Gruppen, die sich 
deutlich scheiden. Zur ersten (I) recbnen wir die Handschriften A, B, 
C, D, E, F, zur zweiten (II) sind die italienischen HSS, die franztts. 
HS S nnd s&mtliche Drucke zu stellen. Der schwedische and der ar- 
menische Text sind zweifellos Ubereetzungen einer franztts. Ausgabe, 
gehdren also II an, ebenso wie auch der katalanische Druck. 

b) Grrttppierung der Texte I. 

Die Gruppe I ist jene, welche dem nnbekannten franzfo. Original, 
d. h. der Ubersetzung des Pierre de la Cypede am n&chsten steht. 
Die Slteste HS, die wir kennen, befindet sich in Carpentras (Yanclnse) 
and stammt ans dem Jahre 1438; sie ist nur als Fragment von drei, 
zum Teil sehr versttimmelten Blftttern erhalten nnd kann also hier 
nnr beschrgnkte Verwendnng finden. DasErhaltene Utest einen gnten 
Text vermnten. In der Einleitung ist auf eine Vorlage von 1432 hin- 
gewiesen nnd Pierre de la Cypede als Ubersetzer genannt. Von den 
tibrigen 5 HSS stehen sich AB einerseits, nnd GE andererseits am 
n&chsten. Diese letzteren machen in der Einleitung die n&mlichen 
Angaben wie das Fragment, w&hrend AB sich auf eine Vorlage von 
1443, geschrieben auf Schloss Orgon (nttrdl. von Marseille), bernfen 
und keinen Autor nennen. Ebenso D, das aber sonst mit G vieles 
gemeinsam hat. 

c) Charakterisierung der HSS I. 

Wir legen unserer Ausgabe die HS B zugrunde. Sie ist wohl 
sehr nachl&ssig geschrieben nnd mehrfach unvollst&ndig, bietet dagegen 
oft die ursprttnglichere Lesart und steht sprachlich der alten HS F 
am n&chsten (vgl. auch nnten ttber Alter und Heimat). A steht B sehr 
nahe und ist ziemlich vollstandig; sprachliche Eigenheiten vonB kehren 
mehrfach bei A wieder. G und D sind die schw&chsten Texte. E ist 
ziemlich vollstandig; es hat, abweichend von alien tibrigen, Kapitels- 
tlberschriften, die freilich manchmal nicht zum Texte passen. Zwei 



1) in Wartons hist of English Poetry, 1840, I p. 146. 



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Der altfransttsische Roman Paris ei Vienna 35 

grttssere Stellen finden wir nur bier, die eine davon fiber die Reise 
Paris' im Orient: Yon Konstantinopel geht er mit einer Karawane, 
die von Indien und Mekka kommt, am nach Gaire za reisen, tiber den 
Bras St. George, nach Troia nnd Nicaea, durch die Tttrkei, Armenien, 
Damaskus nnd Syrien nach Jerusalem, weiter dann nach Gaza, Catia, 
auf den Sinai zura Heiligtnm der hi. Katharina, endlich — und hier 
setzt E wieder in den allgemeinen Text ein — nach Gaire, Tanris in 
Persien (Tebris), Baldat (Bagdad); Esbesra (Basra); Jerusalem und 
schliesslich Gairo. Der Bericbt tiber die Reise von Troia ab bis zum 
Sinai fehlt bei alien andern HSS, selbst bei C, das E am n&chsten 
steht. Beim — nach E — zweiten Besnche in Jerusalem berichten 
A— E: (Paris) vint en ihems si alia visiter le saint sepulcre en molt 
grant devotion pryant de bon cuer a dieu quil lui voulsist estre aidant 
en telle maniere que il peult auoir aucune consolation de vienne la 
belle (B 156). Diese Stelle macht nicht den Eindruck, als ob Paris 
zum zweitenmale dort ware, besonders wenn man den Bericht bei E 
mber den ersten Besuch danebenh&lt: vinrent (er und die Kaufleute) 
en la cite de ier. et la firent leurs offrandes au saint sepulcre et puis se 
partirent etc. Nach E kommt Paris von Damaskus durch Syrien nach 
Jerus., dann nochmals — zus. mit A— D — von Jerus. durch Syrien 
nach Gairo. Im fraglichen Stttcke verlegt also E Syrien nach dem 
Norden, dann spltter zugleich mit den ttbrigen HSS nach dem Sttden 
von Jerusalem. Uber den ersten Einzug in Caire schreibt E: et vint 
au caire ouquel lieu fut vng mois entier ledit paris et la print congie 
de ses compagnons, dann sp&ter mit A— D: sy ala tanf par ses iour- 
nees quil vint en la ville ou le souldain estoit et la se mist en vne 
hostellerie. Das erste Mai erfahren wir also nichts davon, dass Caire 
die Stadt des Sultans sei, wEhrend sie beim zweiten Male nur als 
solche bezeichnet wird. Alle diese Bedenken halten uns ab, das Stttck 
aus E in den Text selber aufzunehmen. 

Der letzfe Punkt, n&mlich der zweimalige Besuch in Gaire (B 151 
und 156); scheint allerdings durch die ttbrigen HSS gesttttzt zu sein, 
allein es stehen in dem betreffenden Satze (151) Text and Sinn nicht 
in richtigem Einklang: vindrent ariuer a Constantinoble et an lende- 
main quilz furent ariues ilz descendirent en terre paris commenca a 
demander du pays et on lui dist que il y auoit de grosses villes et 
entre lea aultres vne qui se nommoit le cayre il demanda si lorn 
povoit aller plus avant, et lorn luy dist quil y auoit vne aultre cite 
qui stoit plus avant que lorn appelloit tauris et que puis de la lorn 
povoit aller par toutes les contrees du soleil levant . . dann geht 
P. mit Kaufleuten nach jenem Caire. Dem Sinn nach liegt aber „Caire u 

3* 



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36 



Robert Kaltenbacher 



auf dem Wege nach Tauris, sonst k&nnte man Paris nicht sagen, wenn 
er yon da noch weiter gehe, so komme er nach Tauris ; dahin will 
er auch thats&chlich gehen und komrat dabei liber „Caire". Damit 
kann nicht die Sultansstadt gemeint sein, denn der Verfasser kennt, 
dem Ubrigen Texte nach, die Geographic des Morgenlandes nicht so 
schlecht, dass er Paris liber Agypten nach Persien geschickt hgtte, 
wie die Reiseroute Tebris— Bagdad— Basra zeigt (197) und die Be- 
merkung, dass Paris in Basra ein ungesundes Klima angetroffen 
habe; Basra gilt mit den ausgedehnten Stimpfen seiner Umgebung 
heute noch ftir ein Fiebernest. Unter „Caire u wird also irgend eine 
Stadt zwischen Konstantinopel und Tebris in Persien gemeint sein. 

Die zweite Stelle, die E allein bietet, ist viel umfangreicher, sie 
umfasst 12 Blotter. Es ist eine eingehende Schilderung der Hochzeit Paris 9 
und des Turniers bei derselben. Paris wird Connestable von Prank- 
reich. Das Sttick ist als eingeschoben leicht erkennbar; Phrasen, die 
sonst gar nicht oder hSchst selten auftreten, finden sich hier in grosser 
Menge: dieux scet, sonst nicht, hier ca. 10 mal, cest assauoir, sonst 
nicht hier mehreremale, ebenso: et vous dy (Interpolator); car ie cuide, 
et se ie vous vouloie dire, deuiser, racompter, reciter, ie ne vous 
saroie rac, ie y metteroie tant quil anuieroit aux lisans, ie ne say 
que penser, et pour ce en brief men passe, et pourtant men passe, etc. etc.; 
die Phrase or lairons le compte leitet sonst stets liber auf eine andere 
Person, hier ist dieselbe ttfters sinnlos gebraucht, auch die zahlreichen 
Ubertreibungen sind dem sonstigen Texte ganz fremd ; das mehrfach 
auftretende delphinal ftir dauphin^ findet sich nor hier. Der ganze 
Passus ist auch inhaltlich eine vtfllig zwecklose und ungeschickte 
Nachahmung des Schten Textes. Sprachlich steht E dem Sltesten 
MS F und auch B fern. E ist in derPicardie geschrieben; das Wort 
aubade ist E fremd, daflir ist jedesmal esbas, esbatemens etc. ein- 
gesetzt l ). 

d) Verhaltnis der HSS 1 unter sich. 

Nach dieser Charakterisierung der HSS 1 wenden wir uns wieder 
zum Gesamtverh&ltnis derselben unter sich. Folgende Proben sind 
hieftir bezeichnend: 



1) Paris et Vienne wird von G. Paris (Journal des Savants, 1892 p. 165 *) als 
die alteste Stelle genannt, an welcher ihm der Name der aubade begegnete. 
Godefroy Suppl., verzeichnet unter der albade noch Myst. de S. Bernard de 
Menthon 1923, der nicht sehr viel jtinger sein wird, aber auoh im Stiden, in 
Savoyen, zu Hause ist. 




Der altfranzosische Roman Paris et Vienne 



37 



15. leurs faitz se congnoissent ACD, leur fait sajouste molt a ma 
volunte B, leur fais sacouste (m. a ma vol. fehlt) E. 

20. des choses de vienne ACDE, des ch. divines B (richtig). 

22. le roy tint son conseil AE, le r. tout 8. c. B, fist s. c. C, le 
r. et tout s. c. (Verb, fehlt) D. 

35. baisa les (deux D) bannieres AE, baissa les ban. B, 
laissa CD. 

36. il avoit paint une (ung D) ymage nostre seigneur AD, ym. de 
messeigneur B, empaint (G) la mageste de ihesus GE. 

39. bien se deuoit tenir contente la dame ABD, ten. la belle gente 
dame C, ten. gente la d. E; die Yorlage von GE hat die Abktirzung 
qtente falsch gelesen. 

41. et eusses perseuere ainsi comme tu auoies encommence ABD, 
et use ainsi perseuere eomme E. 

49. en cellui pensement (penser BD) une estinteUe du (de B) feu 
damours la vint ferir ABD, penser estant elle du feu dam. fut frappee 
(esprise E) CE. 

54. gardez vous de trop courir ear . . . aueunes fois sauance plus 
cellui qui va tout bellement que cellui qui court AB, couurir D, en- 
querir C, querir E. 

54. amours vous s.feru de son dart A, arc B, afferme (ferme E) 
d. s. arc GE, ferit d. s. arc D. 

75. ne se curoit de soy couurir ABD, couuroit de s. c. CE. 

93. ie nay besoing de ton conseil affaicte A, affeitie B, affectie D, 
cons, ne que faire C, cons, a faire E. 

135. ceste muraille se fondera sur . . AB, se plungera G, fehlt D, 
se prendra E. 

139. nous sommes taillees de y user le demourant de nostre vie A, 
de y yver le d. de noz iours B, CE = A, de demourer le dem. de 
liner D. 

141. car le pechie de gueulle (goule B) est le pechie qui plus 
fait obscur lentendement AB, quant le pechie qui se fait plus obscur 

en lent C, que (quant E) le pechie qui plus f. obsc. lent. DE, lent 

si est glotonnie CD, fehlt ABE. 

154. et puis nagerent tant quilz AB, et puis nagaires q. C, et ne 
passerent guaires de iours q. D, E = A. 

163. trois ABE, tous C, turs D. 

168. les oeupres que Ion fait en cestui monde sont perdues fors 
celles que Ion fait au seruice de dieu mais le seruice que Ion fait pour 
dieu ne pent on iamais perdre A, mais— perdre fehlt B, mais— seruice 
fehlt; que Ion le fait; ne— iam. fehlt C, fist au seru. de dieu nest mais 




38 



Robert Kaltenbaoher 



le sera, que Ion f. a dieu; ne p.— iam. feblt D, fait on sera, de d. le 
seraice est a dieu agreable; Best fehlt E. 

172. print paris par la main lautre main mist sur le sacrement et 
pais dist sire baron que ie tiengs par la main dist il A, ganz &hnl. B, 
paris par la main et dist ainsi; Rest feblt CDE, Lesefehler, durch 
wiederboltes main veranlasst. 

174. fehlt bei CD eine grOssere Stelle. 

175. bien Ini est aduis que seste aduenture fortune lui a admenee. 
Ainsi demonrerent A, que fort, a este aduenture adnenue. Ainsi B, 
b. 1. est aduenu que telle fort, lui est aduenue C, aduenu que fort, 
luy a este a ceste aduenture aidant. Ainsi D, aduis que fort, ly a 
este aceste auenture amenee E. 

175. CD lassen eine Stelle aus. 

181. portoit robbe de toille, destrange maniere faicte AE, de 
telle B, r. de si estr. maniere C, de telle et destr. colleur et facon 
saincte D. 

181. sesueilla subbitement et oupurit les yeulx ABD, sub. et court 
et ouurit 1. y. CE. 

186. amours le point pitie lempaint et raison le refraitU A, pit. le 
point B, am. le print pit. le print C, am. luy dist pit. lui print le frain 
damour D, am. le print pit. lempraint etc. E. 

187. quant ilz se feurent entresaluez A, q. ilz furent e. B, quant 
ilz furent entrez en soulas CDE. 



Die zur Gruppe II z&hlenden Texte sind Uberarbeitungen. Sie 
unter8cheiden sich scbon ausserlich von I durch folgende Punkte: 

1. II ist vor allem geringer an Umfang, da die Reden und Schil- 
derungen gektirzt sind. 

2. Bei II fehlt der Prolog des Pierre de la Cypede; 

3. es fehlen die fttnf Trftume, die wir in I haben. 

4. Der Biscbof ist von St. Laurent statt St. Vinzent, und der Name 
von Paris' Knappen George statt Olivier. 

5. II enthttlt die Angabe des Jahres 1271, in dem die Handlung 
beginnt, 

Letzterer Punkt f&llt weg fttr die italien. Bearbeitungen ; fttr 
die Fassung des Poeta Pastore trifft ausserdem 3. nicht voll- 
st&ndig zu; im Cod. Laurenziano ist der Bischof von St. Vinzent 
genannt, wie bei 1, der Enappe aber heisst Giorgio. Die Er- 
w&hnung von Paris' kostbarer Kleidung (27 ") ist ein Rest von dem 
Traume B 56. 



e) Verh&ltnis der Redahtion II zu I allgemein. 




Der altfranzosische Roman Paris et Vienne 



39 



/) Charakterisierung der einzelnen Texte der Gruppe II. 
Der Version I steht Sp (Ausgabe von Burgos) am n£chsten, der 
Gang der Handlnng ist der nUmliche. Die einzelnen Eapitel tragen 
Uberschriften ; gegen Schluss wird die Darstellang sehr kurz. Das 
Original war franzttsisch, wovon der Text noch einige sprachliche 
Spuren zeigt: alii vinieron muchos falconeros al deporte fol. 20 ent- 
spricht dem frz. vindrent deporter; goeetes fol. 9 frz. goussets; greua 
fol. 9 frz. grfeve; ardit fol. 10 frz. bardi. 

Nabe verwandt mit I ist auch die Bearbeitung des Pastore Poeta, 
die wir fernerhin mit Pa bezeicbnen. Sie ist in Oktaven abgefasst 
nnd besteht aus acht Ges&ngen, deren jeder mit einem Argomento 
beginnt, einer ganz allgemein gehaltenen Inhaltsangabe. Fttr den ersten 
Gesang lantet dasselbe: 

Ecco d'amor le vittoriose prove 

Fatte da due fedeli e cari Amanti; 

E le grazie che il Ciel copiose piove 

Sopra del re Delfin convien ch'io canti. 

Ma TOlimpo v6r lui pietoso muove 

Per li suoi pregi, cbe son tanti e tanti, 

E'l Ciel quanto desia, tanto gli dona, 

Chfe di virtt e belti porta corona. 
Hieranf folgt eine Einleitung von drei Stropben, dann beginnt die 
Fabel; der 2. Gesang beschreibt das Turnier in Paris, der 3. geht 
bis zur Krankheit des Messire Jacques, der 4. bis zur Flucbt, diese 
ausftthrlicb in 5, vom Briefwecbsel zwiscben Paris und Eduard und 
von der Abweisung des Sohnes des Herzogs von Burgund wird in 6 
berichtet, in 7 Reise des Paris, Kreuzzug und Befreiung des Dauphin; 
endlich 8 Flucht des Daupbin bis Schluss. Die Zahl der Strophen 
fttr die einzelnen Ges&nge ist durchschnittlich 90, der 1. hat 104, der 
2. nur 83. Die fttnf letzten Strophen sind eine allgemeine Reflexion, 
in welcher Vienne scblimmen Frauen gegenttbergestellt und ihrer 
Tugenden wegen gepriesen wird: 

93. Vattene in pace, o Vienna prudentissima, 

Oh! quanto Popre tue furon laudabili 

Nel mantener la fe' tanto fortissima, 

Nelle promesse altrui sempre stabili: 

E nel patire affanni prudentissima, 

Non come Faltre donne, assai mutabili: 

Ma disposta a morir, pria che si dica, 

Traditrice d'altrui, falsa e nemica! 




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Robert Kaltenbacher 



97. Se fallace belti cotando infiora 
Mondo bngiardo sedaeente e rio, 
U veritiero la virtade onora, 
Per lei lodar presi la penna anch'io. 
Lasciate dnnqae ci6 che disonora 
Di Dio la legge Santa, o lettor mio; 
Ed esegaendo li preoetti saoi 
Lo godremo nel Cielo noi! 

Die Schlassbetrachtang Str. 93—97 fiodet sicb anfangs fast wflrt- 
lich in den italien. Dracken von 1492 ab. Pa hat an manchen Stellen 
erheblicb gekttrzt and die Erz&hlnng amgestaltet, doch ist der Gang 
der Handlnng noch deraelbe wie bei I, wir baben bier sogar die 
Tr&nme von der Blame und dem Lftwen (hier Wolf) angedentet, was 
sieh selbst bei Sp. nicht findet. 

Die ital. Ubersetznng des Carlo di Piero del Nero, Riccardiana 
2919 bat ebenfalls Eapitelstlberscbriften. Sie scbliesst sieb ziemlich 
eng an S an and bat mittelbar die n&mliche franzttsische Vorlage 
bentttzt. Nur bei dem Bericht ttber Paris' Beise weicht sie von S ab 
and n&hert sicb E, indem sie Paris ebenfalls den Eatbarinenberg be- 
snchen l&sst. Ungerechtfertigter Weise nennt sie eingangs den Kttnig 
von Frankreich: Charlo seehondo. Der Text dieser HS Ca ist nicht 
derselbe welcher in den Dracken von 1492, 1515, 1547 and wohl aach 
in den ttbrigen ital. Prosaaasgaben geboten wird, vielmebr entstammen 
letztere einer andern, selbst&ndig aas dem franztisiachen hervor- 
gegangenen Version, der aach Pa verwandt sein dtlrfte. 

S ist die einzige der Groppe II zagehOrige franzfoiscbe HS. Sie 
bat erst im Verlaaf der Erz&blang Ubdrschriften. Die Folge der Er- 
eignisse ist, wie aas antenfolgender Zasammenstellang ersichtlich, 
hier (wie in Ca) einigemale ge&ndert. Die Sprache ist im allgemeinen 
zentral, doch treten mebrmals die pikardisch-lothringischen Eonjnnktive 
auf: vienge fol. 18, tienge 48, 50 zweimal, 51, prenge 52. Spuren 
einer stldlichen Vorlage sind: dyana fol. 14, donnarent 5 zweimal, 
11, leaarent 7 zweimal, tambarent 11, demonrarent 17; ferner mes 
(mais) fol. 7, 16, 18, das sicb bei B so oft findet 

Die Aasgabe von Antwerpen (An) steht trotz vieler Divergenzen 
S noch am n&chsten. An ist der Typns ftir die franzSsiscben and 
boll&ndischen Dracke, aach Caxtons Aasgabe ist An am n&cbsten 
verwandt. Die Handlnng nimmt denselben Gang wie bei S, also an 
mebreren Stellen abweichend von I, wie diese Aasgabe sicb tiberhanpt 
mehr von I entfernt als jeder andere oben bebandelte Text der 
Grappe II. Die Eapitel sind mit Uberschriften versehen. 




Der altfranzosische Roman Paris et Vienne 41 

Des Zusammenhanges wegen erw&hnen wir hier noch die lateinische 
Bearbeitung des Jean da Pin, die jedenfalls nach einer italienischen 
Ausgabe gefertigt ist. Sie kann als ganz freie Behandlung des Stoffes 
fttr die Vergleichung der Texte nicht mehr in Betracht kommen. Das 
Bach ist in zwei Abschnitte (Bttcher) eingeteilt, deren erster bis zar 
FlachtYiennes reieht. Eine karze Textprobe mtfge hier Stelle finden, es 
ist die oratio increpatoria des Messire Jacques, nachdem er seinen Sohn 
nicht bei den Tonrnieren gesehen: . . . Quare vocatum ad se addescentem 
his verbis alloqaitar. Mirari soleo cbarissime fili qoid sit quod te 
iam plascalos dies tristem moestumque video: qai: aat unde sqaallor 
hie insolitas: qais tantus hie moeror: quae tristitia: qaenam hec tanta 
doloris acerbitas? ubi pristinus ille animi: ubi robur: abi verboram 
et oris saavitas: abi tot stadiis: tot laboribas qaaesita et parta iam 
satis abunde gloria: quid hane torpere? quid tarn ignave seneseere 
pateris? Porro quid te ipsum crueias? quid torques: quid afSigisetc. 
Exprobrare deinde coepit pontificis eontubernium : hominemque conviciis 
eontumeliisque perscindere: seque male v^reri dicere ne illias saasu 
filitts coelibatum indueeret. Ad ea Paris veluti voce paterna attonitus 
mutuit: nihilotamen faetus Viennae cura liberior . . . 

g) Verh&ltnis der einzelnen Texte der Gruppe II zu L 

Das Verhaltnis von Sp, Pa, Ca, S und An zu I ist aus folgenden 
Citaten ersichtlich : Et tousiours lysoit livres et romans de belles ystoires 
et dautre part aprenoit a danser et chanter et a sonner instrumens, 
B 3. leer romances y eanciones, de taner instrumentos Sp % fehlt Pa 
Ca S An. 

Done la plus grant partie de barons de seze iusques a vingt eincq 
ans y vindrent B 11, la mayor parte de los varones . . . de XXV o 
XXX afios se aparejaron Sp 3, fehlt Pa, la piu grande parte de baroni etc. 
Zahl fehlt Ca, fehlt S, XV ou XVI iours auant sappareillerent An 4. 

Die Farben der Banner: argent, azur, vert B 25, bianco, verde, 
azul Sp5, fehlt Pa, biancha, verde, rossa Call, blanche, verde, rouge 
S 9, blanche, ronge, rouge An 7. 

Nach seiner Rtickkehr aus Brabant besucht Paris den Dauphin, 
dann erst folgt die Entdeckung des Diebstahls B 56 Sp 10 Pa 64; 
erst die Entdeckung, dann Besuch Ca 23 S 16 An 13. 

Fist son orayson . . . que ia pour ceste tribulation ne sen cessa 
B 57, mas por esso no dexo de hazer su oraeion Sp 13, aholich Pa 67, 
fehlt Ca S An. Es wird ein neues Kleid des Paris erwfihnt I 84, fihu- 
lich Sp 10, fehlt Pa Ca S An. 



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42 



Robert Kaltenbacher 



Vienne bestimmt emeu Ort ftlr die Zusammenkunft B 63, traxo 
en el lagar que les auia dicho viaua Sp 10, fehlt Pa Ga S An. 

Die Reden dee Paris und der Vienne sind auf zwei Zusammen- 
kttnfte verteilt B 71 Sp 11; Pa 77 kommt hier I sehr nahe und er- 
w&hnt den Traum mit der Blume; die beiden Reden zusammengezogen 
Ca 25 S 18 An 14. 

Rede Isabeaus B 90 Sp 12, fehlt Pa Ga S An. 

Warnung Eduards B 94 Sp 12, fehlt Pa, die Warnung geht von 
Vienne ans Ca 30 S 22 An 16. 

Paris findet sich bei Vienne zu einer Unterredung ein B 94, Paris 
nnd Vienne bestimmen nachts dnrch ein Fensterchen den Ort der 
Unterredung Sp 12, Pa 84 = I, die ganze Unterredung gesehieht bloss 
durch das Fenster Ca 30 S 23 An 17. 

Bei der Abschiedsszene B 101 kommt Sp 14, bei der Schildernng 
von der Rttckkebr B 107 kommt Pa 98 den HSS I am n&chsten. 

Nachdem Vienne wieder die Gunst ihres Vaters erlangt hat, wird 
Messire Jacques aus dem Gef&ngnis entlassen, dann folgt die Erz&hlung 
liber Paris in Genua, sodann ist die Rede von den Heiratsplgnen des 
Daupbin ftlr seine Tochter B 112 Sp 15, fthnlich, auch mit dem Traum 
vom Lftwen bezw.Wolf Pa 101, dagegen: Freilassung Viennens, Schritte 
des Dauphin fttr Verheiratung Viennes, Befreiung des Messire Jacques, 
Antwort des Grafen von Flandern, endlich Paris in Genua Ca 38 
S 30 An 21. 

Isabeau verrftt der Dauphine die Verlobung Paris und Viennes 
B 123 Sp 17 Pa 112, fehlt Ca S An. 

Nach der Abfertigung des Sohnes des Herzogs von Burgund durch 
Vienne erfahrt Paris den Hergang durch Eduard, bittet urn nahere 
Nachrichten und geht nach Rom B 130 Spl8, 8hnlichPall8, fehlt CaS An. 

Reise des Paris bis Tauris, dann Kreuzzug des Dauphin und Ein- 
kerkerung desselben, sodann Fortsetzung der Reise Paris 7 B 151, bei 
Sp 19 statt Tauris das Land des Priesters Johannes, sonst = I, Pa 123 
hat Tunis fttr Tauris, sonst = I. Bericht vom Kreuzzug erst nachdem 
Paris schon in den Diensten des Sultans steht Ca 53 S 43 An 29. 

Folgende Stellen endlich erweisen den Vorrang von S und Ca 
vor An: 

S 24 Ca 32 der Kapellan nimmt Paris in seine Wohnung auf 
(I ebenso), wovon bei An nicht die Rede ist. S 28 Paris mietet sich 
in Genua eine Wohnung en vng lieu qui sappelloit sevint, Sp. San 
Sixto, Ca 35 prese vna chasa e solo si staua, bei An fehlt die An- 
gabe ganz (gegen I). 

S 32 Ca 40: Paris wttnscht, dass Ed* sich Viennens annehme und 




Der altfranzosiscbe Roman Paris et Vienne 



43 



ihr sage, dass er eich in Genua befinde, bei An 23 verbietet er ihm 
dieses zu sagen (gegen I), An weiss nichts von otte de plaisance, auch 
Sp nicbt ; wohl aber S 33 nnd Ga 41 (botte de piacenza) wie I. An 26 
weist der Dauphin den Sobn des Herzogs yon Burgund ab, obne auch 
nur einen Grund anzugeben, w&hrend dies bei S. 37 Ga 46 geschieht (I). 

An 26: Burgund sei abgezogen voyant vienne nonobstant saine ist 
schlecht, auch fehlt bei An die Angabe, dass der Herzogssohn zum 
zweitenmale heiralich gekommen sei S 37 Ga 46 (I). 

S 38 deutet die List Yiennens an: fist semblant de sentir puir, 
Ga 48 e ffece sembiante cbome sella ghallina putisse, wlthrend dies 
bei An ganz fehlt. S 43 und Ga 53 geben die Zusammenkunft Paris 9 
mit den Falknern des Sultans besser als An 29. Freier und von I 
mehr abweichend hat S die Stelle behandelt, wo der Eapellan mit 
dem Boten zusammentrifft S 26 und Shnlich Ca 33, der Empfang des 
Sohnes des Herzogs beim Grafen von Flandern ist bei An 25 und 
Ga 44 besser als bei S 35, wo ein Sttick fehlt. Auch die Herbei- » 
holung der Siegespreise am Schlusse fehlt bei S und Ca, wUhrend 
eich diese Szene noch bei An findet. — In An 12 ist eine groesere 
Stelle, die Berufung auf Beuve d'Hanstone, eingeschoben. 

II stellt sich 1 als gekUrzte Version gegenttber, die sich wohl 
von einer mit E ngher verwandten Handschrift abgezweigt hat; be- 
merkenswert ist die einheitliche Vertauschung von St. Vincent mit 
St. Laurent bei II: Vienne besass frtther zwei grosse Kldster, 
St. Vincent und St. Laurent, die Bischftfe waren zuerst in St. Laurent, 
sp&ter wurde aber St. Vincent Kathedrale und bekam 1136 den Namen 
Notre Dame. Nachdem also „St. Vincent" nicht mehr da war, konnte 
eine Verwechslung mit der damals noch bestehenden vormaligen 
Bischofskirche St. Laurent leicht stattfinden. Auffallend ist bei II 1 ) 
die Angabe des Jahres 1271 fttr den Beginn der Handlung. Sie ist 
jedenfalls ein Zeichen daftir, dass man die Fabel mit den grossen 
Ereignissen in Dauphine schon frtibe in Zusammenhang brachte. 
Die Version II dtlrfte zwischen 1460 und 1470 entstanden sein. 

Das Verh&ltnis des ganzen Materials ist durch folgenden Stamm- 
baum dargestellt: 



1) Die ital. Versionen schliessen sich hiervon aus. 




44 



Robert Kaltenbacher 








Ca 



S 

An 

Alter, Heimat und Yerfasser. 

Die Ulteste Handschrift, die wir kennen, ist das franzosische 
Fragment von Carpentras. Dasselbe stammt aus dem Jahre 1438 nnd 
bernft sicb, gleich GE auf eine Vorlage von 1432. Nach diesen drel 
HSS wfire der Roman 1432 aus dem Provenzalisehen tibernommen 
vvorden. Die Angabe von einer Ubersetznng ist alien HSS der Fa* 
milie I gemeinsam, wie anch der Hinweis auf ein katalanisches Ori- 
ginal. Nnn weist die Spracbe gerade die besten HSS allerdings nach 
dem Sttden nnd es dtirfte anch nicht als znf&lliger Fehler erscheinen, 
wenn selbst E, das in der Pikardie geschrieben wurde, entgegen seiner 
sonst einbeitlichen Orthographic, einmal Pincannalhe (Eigenname!) 
schreibt, statt Pincanualle. Fttr eine provenzalische oder katalanische 
Vorlage haben wir keine Belege, wohl aber scheint die Angabe des 



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Der altfranzttsische Roman Paris et Vienne 



45 



Pierre de la Cypede durch den Cancionero de Baena bestatigt zu 
werden *)• Dieser verbtlrgt n&mlicb die Existenz des Romans vor 1432 
nnd rttckt denselben bis gegen 1400 hinauf durch Anftthrungen in den 
Gedichten des Francisco Imperial: In dem Gedichte „Muchos poetas 
ley", das vor 1412 verfasst ist 2 ), findet sich folgende Stelle: 
(ley) Del que^fiso & la Fenisa 
quebrantar ft 6 omenaje, 
6 del que & la movediza 
di6 la luna 6 fis' omaje, 
6 de la flor de grant linaje 
de Paris 6 de Viana 
6 del que did la mangana 
por do fu6 el grant donaje. 
Ebenso in einem andern, das schon 1405 verfasst ist, and mit 
den Worten beginnt: „En dos sete^ientos 6 mas doss 6 tres 3 )". 
Todos los amores que ovieron Archiles, 
Paris 6 Troyolos de las sns senores, 
Tristan, Lan$arote de las mny gentiles 
sns enamoradas, 6 may de valores 
61 6 su mnger ayan mayores 
que los de Paris 6 los de Vyana 
6 de Amadis 6 los de Oryana 
6 que los de Blancaflor 6 Flores. 
Einem dritten Gedichte desselben Antors ist die folgende Strophe 
entnommen 4 ): 

Non fu6 por cierto mi carrera vana, 
passando la puente del Guadalquevir, 
k tan baen encaentro qae yo vi venir 
rribera del rio, en medio Triana, 

1) Darauf hat Baist aufmerksam gemacht in GrObers Grundriss II, 2, 439. 

2) El cancionero de Joan Alfonso de Baena pnbl. por Francisque Michel. 
Leipzig 1860, I 289: Este desir fiso el dichO micer Francisco Imperial en 
alaban$a h loores de infante Don Ferrando, rey de Aragon que ftte despues 
pablicado, de las virtudes e grand fermosura que Dios en 61 puso. Der Infant 
ist Ferdinand der Gerechte, welcher 1412 nach dem Interregnum den Thron 
Aragons bestieg. 

3) I 199: Este desir fiso e orden6 mi$er Francisco Ynperial, natural de 
Jenova, estante e morador qne fue en la may noble cjbdat de Se villa; el qual 
desir fiso al nas$imiento de nuestro senor el rey Don Juan, quando nas$i6 en 
la gibdat de Toro, ano de MGOGO V° anos, 6 es fecho 6 fundado de fermosura 
b sotil iuvenoion e de limadas diciones. 

4) A. a. 0. I 220. 



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Robert Kaltenbacher 



d la tnuy fennosa Estrella Diana, 

qual sale por mayo al aha del dia: 

por los santos passos de la romeria, 

mnchos loores aya santa Ana. 
Dazu vergleiche man den franztte. Text yon „Paris et Yienne": 
. . . et lappelloit lorn madame dyanne cest le nom dune tres belle 
estelle qui se monstre chascan matin an point dn ionr. 

In der Vorrede behauptet Pierre de la Cypede, der Roman sei 
nrsprttnglich katalanisch abgefasst gewesen. Der Text selber bietet 
hieftir keine anderen Anhaltspunkte, als etwa den Ansdrack paniscal 
(171 u. 175). Dag Wort, in alien 5 HSS der Familie I doppelt ver- 
bttrgt, erscbeint bei Jal *) als spezifiech katalaniscbe Form (panescal). 
Bei Godefroy feblt dieselbe. Da Cange fttbrt an (S. 109) palescarmas, 
Jal (S. 1115) and Godefroy fttr das Franztteische: palescarme, pales- 
qaarme, paliscalme, parescalme, perascalme. 

Litterarhistorisch ist die Angabe yon einer katalanisehen Herkanft 
gat mtiglich. Dort ist aach Tirant le Blanc zu Haase. Doch ist za 
bedenken, dass zwei Pankte im erbaltenen Texte nicht recht dazu 
stimmen wollen: Erstens die Bezngnahme auf Ktinig Karl, ttberein- 
stimmend in alien Yersionen : An temps que le roy charles regnoit en 
france. Wenn man n&mlich auch in frttberer Zeit auf katalanischem 
Gebiete nach franztisischen Ktinigen datierte, so gescbieht das jeden- 
falls im 14. Jahrbnndert nach den eigenen. Dann zweitens stOrt die 
Thatsache der anmittelbaren Beziehang zar Stadt Yienne. Es verr&t 
bemerkenswerte Lokalkenntnis, wenn im Roman (170) erzfihlt wird, 
von einer Kirche „de nostre dame", welche an den Palast des Dauphin 
angebaat gewesen sei, and von deren Mauer Eduard einen Stein ans- 
bob, am mit Yienne yerkehren za kttnnen. Bei Chorier*) (eine ge- 
naae Beschreibang des alten Yienne scheint leider za fehlen) findet 
sich n&mlich die Notiz, dass im Jahre 1448 unter andern Geb&nden 
in Yienne aach le Palais Delphinal contigu k l'eglise N6tre-Dame de 
la Yie vom Erzbischof dem Dauphin zngesprochen worden sei. 

Mit Be8timmtheit Iftsst sich folgendes sagen: Der Roman ist filter 
als Francisco Imperial, er geht vor das Jabr 1364 znrttck, and zwar 
wesentlich in seiner heutigen Gestalt, da sich sonst jener Eingang 
nicht wttrde erhalten haben. So ist wohl aach die Beziehang zar 
Stadt Yienne von Anfang an gegeben gewesen. Ob der Roman wirk- 
lich, wie Pierre de la Cypede angiebt, in Beziehang zum Katalanisehen 
steht, ist dagegen zweifelhaft, 

1) Jal, dictionnaire nautique I 243, II 1121. 

2) Histoire de Dauphin6, Valence 1869, II p. 443. 



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Der altfraniosische Roman Paris et Vienne 



47 



In Pierre de la Cypede wird jedenfalls der letzte Bearbeiter zu 
sehen sein, bezw. Ubersetzer aus dem Proyenzaliscben, wenn nicbt das 
Datum 1432 in dem Original der erbaltenen Uberlieferung ein febler- 
haftes, oder Pierre de la Cypede nur ein Schreiber ist, der zur Be- 
krfiftigung seines Romans ein kleines Vorwort binzagelogen hat — 
M&glichkeiten yon grOsserer oder geringerer Wabrscbeinlichkeit, die 
hier erw&hnt werden sollen, weil keine von ihnen unbedingt aus- 
gescblossen ist. 

Pierre de la Cypede sagt selbst dass er aus Marseille stamme, 
giebt aber seinen wirklichen Namen, wie aus dem Prolog hervorgebt, 
nicht an. De la Cypede ist r&tselhaft. Das Spaniscbe hat wobl Eigen- 
namen de Cepeda, aber es ist ein Zusammenbang damit nicbt zu finden, 
abgesehen von der Verschiedenheit der beiden Namen. Dem Fran- 
ztisischen ist er fremd, wie schon die Form zeigt und auch mit Cepoy ') 
oder SepoYo ist nichts anzufangen. Wabrscbeinlich liegt ein Ortsname 
vor (worauf auch der bestimmte Artikel hinweist), fthnlich wie bei 
dem Verfasser der sch&nen Maguelone, Pierre de Provence, der ja in 
Zeit und Stimmung, wenn auch nicht in der Art der Erfindung Paris 
et Vienne nahe stebt. 

Qnellen, verwandte Stoffe, litterarhistor, Stellung. 

Betrachtet man die Namen der beiden Hanptpersonen, Paris und 
Vienne, und erinnert sich der Tbatsache, dass im Jabre 1349 nach 
langen Verhandlungen Dauphin^ an Frankreich abgetreten wurde, so 
legt sich die Vermntung nahe, es werde durch den Roman auf die 
Vereinignng der beiden Lender angespielt. So findet sich eine Per- 
sonifikation Viennes in der Erzahlung vom Prinzen Delpbin und der 
schtinen Vienne 2 ): Der K8nig Grimsel und seine Gemahlin Furka 
gehen zu einer Zauberin, um sie wegen ihrer Einderlosigkeit zu be- 
fragen und erhalten die Antwort, dass sie drei Kinder erhalten werden. 
Aber durch einen Zauber kommen diese, das eine als Adler, das andere 
als B3r, das dritte als Delpbin zur Welt und ktinnen erst menschliche 
Gestalt erlangen, wenn eine Prinzessin sie liebt. Den Adler erlttst 
nun die schtine Argovia, den B&ren die Prinzessin Constantia und den 
Delpbin Vienne, die Tochter des Ktfnigs Rhodanus. Wie diese Inbalts- 
angabe zeigt, baben wir es hier mit einem bekannten M&rchenstoffe 
zu thun, dem die Namen nur angeheftet worden sind. Ftir „Paris 
und Vienne" ist eine solche Auffassung abzulehnen. Das historische 



1) Contin. Nangii p. 145. 

2) L. Drevet, nouvelles et 16gendes dauphinoises, Grenoble 1891. 



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Robert Kaltenbacher 



Ereignis vom Jahre 1349 hat mit der Fabel nichts gemein als die 
endliche Vereinigung. Die Nameo der beiden St&dte baben mit jenem 
historischen Faktnm nichts zu thim, denn einerseits geschah die Ab- 
tretung nieht an die Stadt Paris, sondern den zweiten Sobn des Etaigs, 
anderer^eits hat sicb mit dem Ubergang des Landes nicht auch der 
Viennes yollzogen und Ludwig XI hatte als Dauphin noeh viele Mtthe, 
die Anerkennung in Vienne zu erlangen. Alle weiteren Versuche, 
allegorisehe Beziehungen za entdecken, schlagen fehl Ubrigens ist 
der Name „Paris w auch in Dauphin^ nicht fremd, denn nnter den 
Vasallen, welche Jean, dem Sohne Humberts I huldigten, werden ge- 
nannt: Hugues de Sassenage, seigneur en partie de Sassenage et de 
Paris, Disdier de Paris, seigneur de Paris 1 ). 

Das Ergebnis, urn nicht zu sagen das Ziel des Romans ist ein 
Dynastiewechsel in Dauphin^. Auch wahrend des Verlaufs der Fabel 
bricht diese Frage einmal deutlich durch, nftmlich bei Gelegenheit der 
Werbung des Messire Jacques fttr seinen Sohn, wo der Dauphin ihn 
anfUhrt im httchsten Zorne: Oures ne peuz tu mays celer la grant 
mauvetie et trayson qui est en ton cueur bien croy que tu me faroyes 
voluntiers morir pour toy enseignoryer de ma terre se il te estoit 
possible (87). Ein solches Ereignis hat stattgefunden im Jahre 1282, 
wo mit dem Dauphin Jean die burgundische Linie ausstarb und die 
Herrschaft an den Yasallen Humbert de la Tour du Pin kam, den 
Gemahl seiner einzigen Schwester Anna, unter heftigem Widerspruch 
Roberts von Burgund. Sollte man in dem Kern des Romans einen 
Zusammenhang mit diesem, fttr Dauphin^ ttberaus wichtigen und bei 
Chorier und Fournier ausftthrlich behandelten Faktum erblicken, so 
wttrde diese Vermutung gesttttzt durch das bei II, also schon vor 1470 
eingeftthrte Datum 1271 fttr den Beginn der Handlung. Da Humbert 
sieh 1273 mit Anna vermahlte, so kflnnten die ersten Schritte hiefttr 
wohl 1271 fallen. Die Erzahlung, dass Paris sehr viel mit dem Bischof 
yon St Vinzent verkehrte und sich yon ihm in der Theologie unter- 
richten liess und die Befttrchtung des Vaters, sein Sohn mtfcbte 
schliesslich Geistlicher werden und sein Geschlecht untergehen, batte 
ebenfalls ein Analogon in der Geschichte, da* Humbert thatsttchlich 
Eleriker war, und zwar Eanoniker zu Paris und zuletzt Dekan in 
Vienne, wo er das geistliche Eleid ablegte, urn seinen Stamm zu er- 
halten s ). Auch wenn bloss zufftllige Ubereinstimmung der Namen 
yorliegt, so mtfge hier doch noch angeftthrt werden, dass am Hofe 



1) Chorier, histoire de Dauphing, Valence 1878, 1 624. 

2) Gallia Christiana, Par. 1865, XVI col. 138. 



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Der altfranzo8ische Roman Paris et Vienne 



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Humberts II. als dessen Freund ein Eduard, Sohn des Philipp yon 
Savoyen und der Isabeau (!) — nach anderen Eatharina von Viennois — 
lebte, der 1390 als Bischof von Tarentaise in hotaem Alter starb 1 ). 
Ein anderes historisches Faktum aus der Zeit Humberts II. hat eben- 
falls einige Ahnlichkeit mit einer Episode des Romans, es ist der 
Erbfolgekrieg der drei Tfichter Philipps des Langen von Burgund, 
namlich der Dauphine, der Herzogin von Burgund und der Grafin von 
Flandern, ein blutiger Kampf, den der Ktfnig von Frankreich 1337 
beilegte*). Bei „Paris und Vienne" ist sehr umst&ndlich erzahlt, wie 
in Frankreich ein schwerer Krieg wegen dreier Damen nur durch den 
Ktmig verhtltet und der Streit durch ein Turnier entschieden wnrde. 
Sollte eine Reminiszenz vorliegen, so wfire der Umstand, dass es sich 
hier urn die SchCnheit der drei Damen handelt, nur eine passendere 
Umkleidung. 

Alle diese Punkte erheben nun nicht den Anspruch als voller Be- 
weis zu gelten, verdienen aber wohl nicht einfachhin Ubergangen zu 
werden. In jedem Falle beruht die Fabel im Gesamten, die Kompo- 
sition auf freier Eriindung und ist selbst&ndig ausgesponnen, nicht 
auch die einzelnen Episoden. So findet sich 1. das unbekannte Auf- 
treten beim Turniere auch anderwarts (vgl. Richard von der Normandie), 
hier aber allerdings nicht lose eingefttgt, sondern abgeschalt von jeder 
andern Fabel, als notwendiges Mittel znrLOsung der psychologischen 
Aufgabe. 2. Ein bestimmtes anekdotenhaftes Element ist die Ver- 
mittlung des Biscbofs. An anderen Stellen wird diese Rolle dem 
Mtinch oder dem Ehemanne zngeschoben. So findet sich gleichartiges 
schon beiBaudouindeSebourg 8 ), Straparola 4 ), Pecorone 5 ), Montanus # ) 
und endlich bei Molifere 7 ). Uberall das Motiv des unfreiwilligen Ver- 
mittlers. 3. Die Reise nach dem Orient. Wiederum ein diffuses Ele- 
ment, und freie Variierung der altcren verwandten Floire et Blanche- 
fleur und Aucassin et Nicolette. 4. AusgeprSgt anekdotenhaften Cha- 
rakter hat die Geschichte von dem faulen HUhnchen, woftir keine 
weiteren Belege zu linden sind. 5. Das Emporkommen des Paris am 
Hofe des Sultans ist eine Heracliuserz&hlnng, ein durch sonst auf- 

1) Valbonnet, histoire de Dauphin6, Par. 1711, p. 373. 

2) Fournier, le royaume d' Aries et de Vienne, Paris 1891, p. 420. 

3) Hist, litt., XXV p. 537. 

4) I, 4, 4. 

5) I, 2. 

6) ed. Bolte, Tab. Litt. Ver. 1899, 629, 99. 

7) Despois, Einleitung zurEcole des femmes, S. 116, Grands 6cr., Mol. III. 
Vgl. auch Ztsch. iF. vgl. Ltg. 99 ff. 

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GoogI 



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Robert Kaltenbacher 



tretendes Motiv, hier aber wieder eigenartig ausgestaltet. 6. Auch 
die Erzahlung von der Befreinng des gefangenen Vaters durch List 
des Liebhabers macbt den namlichen Eindrack. 

In der Gesamtsituation besteht entscbieden eine innere Verwandt- 
schaft zwischen Paris et Viennje uod Aucassin et Nicolette. Aucb 
sonst scbeint die Richtung vertreten zu sein in der altfranzOsischen 
Beimdichtung durch den Durmart nach der einen, und den Prosaroman 
nach der andern Seite. Durcb die Freiheit der Erfindung stellt sich 
Paris et Vienne neben Durmart, und als Prosatext an die Seite des 
Tirant le Blanc und des Cavallero Cifar. Die ausgeprSgte religiose 
Stimmung teilt er mit Ramon Lulls Blanquerna, die Ablosung vom 
Wunderbaren und die Freiheit der Erfindung mit dem ungefahr gleich- 
zeitigen Amadis und dem Cavallero Cifar, wahrend die ebenfalls etwa 
gleichzeitigen franzdsischen Pontus et Sidoine und Jean de Paris etc. 
doch wesentlich trffditionell siud (vgl. Simrock, deutsche Volks- 
bttcher XI). 

Charakteristisch fttr Paris et Vienne ist: die Prosa-Abfassung, die 
geflissentliche Ablehnung alles Wunderbaren, die Freiheit der Erfindung, 
die in der Zeit gelegene sentimentale Tendenz und eine starkere Ab- 
losung von eigentlichem Rittertum als als in der Mehrzahl der soeben 
angeffihrten Romane. 



Die Aufgabe unseres Romans ist, zu schildern, wie ein Vasall 
sich die Liebe der Tochter seines Lehensherrn erworben, wie er durch 
ihre Treue in ihren Besitz kommt und Herr des Landes wird. Es ist 
also ein Thema, das oft genug vor Paris et Vienne, aber selten mit 
solchem Gescbick und solchem Erfolge ist behandelt worden. Die ganze 
Handlung zerf&llt in zwei ungleiche Teile, deren erster bis zur Szene im 
oratoire des Paris reicht: Paris ist Unterthan des Dauphin und hat 
als solcher niemals Aussicht, Vienne, die er liebt, zur Gemahlin zu 
erhalten. Vienne selbst, die ihn tUglich in ihrer Umgebung sieht, 
achtet seiner so wenig, dass er und sein Freund Eduard die Uber- 
zeugung haben, sie wttnsche nicht durch ihn Siegesehre zu gewinnen. 
Darum ist ihm die heimliche Rolle zugewiesen, und in fein psycho- 
logiscber Ausfllhrung ist erz&hlt, wie Vienne den unbekannten Ver- 
ehrer erst fttr einen edlen Baron halt, wie sich ihre Neugierde nach 
und nach zu sehr lebbaftem Interesse entwickelt, wie dieses durch die 
Ungewissheit und Unruhe noch gesteigert wird und schliesslich eine 
machtige Liebe in ihr auf keimt. Gerade w&hrend sie im Schlosse des 
Paris Gelegenheit hat, seine Schatze und Kostbarkeiten, und seine 



Litterarischer Wert. 




Der altfranzosische Roman Paris et Vienne 51 

prachtigen Rtistungen zu bewundern, da entdeckt sie das Gebeimnis 
und wendet nun Paris ihre voile Liebe zu. 

Der zweite Teil scbildert die Treue Viennens: Durch die Werbung 
des Messire Jaques und die misslungene Flucbt hat sich die Lage der 
beiden so gestaltet, dass ein glttcklicher Ausgang nicht abzusehen ist. 
Isabeau batte umsonst Vienne von der Liebe zu Paris abzubringen 
gesucht, nun will der Dauphin den edelfeten Baron Frankreichs seiner 
Tochter zura Gemahl geben, aber er kann ihre Zustimmung zu der 
Heirat nicht erlangen. Sie wird in ein finsteres GefSngnis geftthrt 
und bei hartem Leben und karger Kost dort gehalten, doch will sie 
lieber zeitlebens darin bleiben als Paris untreu werden, und wie sie 
von dem mSchtigen Freier zum zweitenmale bedr&ngt wird, da weiss 
sie sich seiner durch eine List zu entledigen. Die letzte ist die schwerste 
Prtifung: ihr verloren geglaubter Vater ist durch den Edelsinn eines 
vornehmen Christen des Morgenlandes von schwerer Gefangenschaft 
erlSst worden. Er hat demselben, der unter Zurttcklassung seiner 
Reichttimer mit ihm geflohen ist, Vienne als Gemahlin zugeschworen. 
Aber auch dem Retter ihres Vaters will sie ihre Hand nicht reichcn, 
und wie sie den Ring erkennt und Paris tot glaubt, da wUnscht sie 
nichts anderes als in ihrem GefSngnis ebenfalls zu sterben. Endlich 
folgt Erkennung und Vereinigung. 

Diese Steigerung der PrUfungen ist in der Erzahlung so gat um- 
woben und logisch verknflpft, dass sie nichts weniger als aufdringlicli 
oder ermiidend erscheint. 

Trotz der verhaltnism&ssig reichen Handlung ist doch die Einheit 
durchau8 gewahrt, und selbst bei Gelegenheit der Reise Paris' nach 
Brabant und -seines Aufenthaltes im Orient, haben Verfasser und Uber- 
setzer der Versuchung widerstanden, miissige Abenteuer einzuflechten. 

Pierre de la Cypede hat der Roman besonders gefallen wegen 
seiner Glaubwttrdigkeit. Seine Vorrede erinnert an Piero Lopez de 
Ayala (1332—1407), welcher im Rimado de Palacio 1 ) sagt: 
P16gome otrosi oyr muchas vegadas, 
Libros de devaneos e mentiras probadas, 
Amadis, Lanzalote e burlas asacadas, 
En que perdi mi tiempo a rauy malas jornadas. 
Hier ist nicht nur alles wunderbare und abenteuerliche ferngehalten, 
sondern es geht ein starker realistischer Zug durch die ganze Schil- 
derung, der diese zu einem scbatzbaren Zeitbilde macht. Der „Ritter" 
Paris schreibt und erhfilt Briefe ; w&hrend seines Aufenthaltes in Genua 

1) Biblioteca des autorea esp., Bd. 57 p. 430. 

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Robert Kaltenbacher 



erhalt er einen Wechsel, den er auf der Bank des Messire Bertrand 
einlftst; vor seiner Seise in den Orient naht er sich sein Geld ins 
Warns, and wie er nacb Cairo kommt, muss er sich einschr&nken, da 
seine Barschaft auf die Neige getat. Von Vienne erfahren wir, wie 
sie vor ibrer Flucht vorsorglich ihre Eleinodien mitnimmt „und auch 
noch den Schmuck ihrer Mutter, der sehr schfin war", zu sich steckt; 
von den nach den FlUchtigen ausgesandten Bittern heisst es, sie h&tten 
erst ihren Pferden Hafer gegeben und eins getrunken, bevor sie weiter- 
gingen. Auch das Testament fehlt nicht, ganz wie der Pfarrherr bei 
Don Quixote es wttnscht 1 ): Digoos verdad, sefior compadre, que por 
su estilo es este (Tirante el Blanco) el mejor libro del mundo: aqui 
comen los caballeros y duermen en sus camas y hacen testamento 
Antes de su muerte, con otras cosas de que todos los demas libros 
deste g&iero carecen. 

Die PersOnlichkeit Viennes ist am besten gezeichnet. Sie ist weit 
sympathischer als Paris, der wohl als ein tapferer Bitter erscheint, 
welcbem kein Feind standh$lt, aber mit seiner Unentscblossenheit und 
Mutlosigkeit bei Missgeschick sich unvorteilhaft von Yienne abhebt, 
die stets hoffifc und bandelt. Isabeau ist eine treffliche Gestalt, und 
auch der Dauphin eine kr&ftige, interessante Figur. Die iibrigen 
Personen, auch Eduard treten zurttck und sind nicht n&her individua- 
lisiert. 

Die Sprache ist ausserordentlich einfacb, die Kunstmittel sind sehr 
gering. Die Einleitung eines Eapitels lautet gewQhnlich: or dit le 
compte etc. ; der Schluss: or laissons . . . et parlons de . . . Soil 
eine heftige Gemtttsbewegung geschildert werden, so dient oft die 
Phrase: qu'il ne pouuit plus . . que a pou qu'il se pasma . . . etc. 
Einige Beden sind etwas lang; so muss in ihrer Bechtfertigungsrede 
nach der Flucht Vienne ihren Eltern gegentlber Punkt fttr Punkt die 
ihr gemachten Vorwttrfe in schulgerechter Form widerlegen und das 
Gegenteil beweisen aus der hi. Schrift, aus BoStius und aus Sprttch- 
w(5rtern. Ahnlich bei der Bede vor dem Sohne des Herzogs von 
Burgund. Abgesehen davon ist es gerade die einfache und naive 
Sprache, welche dem Boman besonderen Beiz verleiht; in ruhigem 
Gleichmasse fortfliessend, wird sie auch den grossen Situationen voll- 
kommen gerecht, zum Beispiel bei der bewegten Szene im Oratoire 
des Paris, beim Abschied im Hause des Kapellans, bei der RUckkehr 
des Dauphin, und bei der Wiedererkennung. Es liegt der kostlichste 
Humor in der Schilderung von den umst&ndlichen Verhandlungen mit 

1) Cervantes, Don Quixote, Leipz. 1891, I p. 26. 




Der altfranzosische Roman Paris et Vienne 



53 



dem Grafen von Flandern, ebenso auch in der Szene, wo Messire 
Jacques von der Rttckkehr seines Sohnes hort. 

Darnm verdient auch der Roman das Lob, das Hazlitt in der Vor- 
rede seiner Caxton- Ausgabe itam spendet: In the whole compass of 
early romantic fiction of a chivalric character, I do not remember at 
any time to have met with a book so peculiarly simple and unaffected 
in its structure and style as this. I will scarcely go so far as to say 
that probability is never violated; in a work of the kind such could 
not well be expected to be the case; but, assuredly, there is a freedom, 
which must charm, from many of the vices which beset such produc- 
tions: extravagance of conceit, tediousness of disgression, farfetched 
incidents and turped phraseology. On the contrary, the narrative is 
neither involved nor irksome, and many of the thoughts and turns of 
expression have a naturalness, which in a composition of the period, 
is as fascinating as it is rare. 



Das Scbicksal von „Paris und Vienne" ist ein sehr merkwtirdiges. 
Kein Ritterroman darf sich einer ahnlichen Begttnstigung durch die 
Buchdruckerkunst rtthmen wie dieser. Er zSblt zu den schflnsten 
Drucken des Gerhard Leeu, hatte die Ehre zu den ersten Ausgaben 
des ersten englischen Buchdruckers zu gehoren und hat ebenso Ein- 
gang gefunden in die altesten Offizineu Italiens, Spaniens, Schwedens 
und des katalanischen Sprachgebietes. In nicht weniger als acht 
Sprachen war er schon 1525 gedruckt, und eine neunte, das Arme- 
nische, besitzt seit 1581 eine handschriftlicbe Ubersetzung. Die Zahl 
der bekannten Handschriften ist zwfllf, der Ausgaben 59. 

In welchem Ansehen die schlichte Erz&hlung in Frankreich stand, 
beweist der libellus Allobrogicae narrationis, eine Umarbeitung des 
Stoffes zu padagogischen Zwecken durch Jean du Pin, den Biographen 
der hi. Katharina und des hi. Rochus, den Humanisten, der von 
Erasmus das Lob erhielt, einer der besten Ciceronianer seiner Zeit 
zu sein. 

In England hat sich die Erzahlung rasch verbreitet. Skelton 
rechnet unter die volkstUmlichen, allgemein bekannten Stoffe auch die 
Geschichte von Paris und Vienne: 



Erfolg. 



— — I can rede and spell 

Of the tales of Canterbury, 
Some sad stories, some merry 
As Palemon etc. 




54 



Robert Kaltenbacher 



And of the love between 
Paris and Viene 1 ). 
Eine zweite Stelle findet sich in Bishop Douglas' Palice of Ho- 
noure, geschrieben 1501: 

of France I saw tbair Paris and Veane 2 ). 

Endlich wurde in England der Roman sogar zu einem Btibnenstttck 
umgearbeitet nnd im Jabre 1571, am Fastnachtsdienstag durch die 
Kinderscbauspieler von Westminster vor der KOnigin Elisabeth auf- 
geftthrt 8 ). 

Den grtfssten Erfolg hat der Stoff in Italien gehabt. Hier sind 
zwei Erweiterungen (Alorino, Lanrenziana Plut. 89 inf. 63 und Ric- 
cardiana 818) verfasst worden, hier sind anch zwei verschiedene poc- 
tische Bearbeitnngen in Oktaven erschienen. Die eine derselben ist 

1873 zu Florenz lediglich als Volksbttchlein wieder gedrnckt worden, 
1889 konnte eine zweite, 1898 eine dritte Auflage folgen. Die Er- 
zShlung ist sogar heute noch lebendig in zwei M&rcben, einem abruzze- 
sischen and einem rOmischen; das erstere ist aufgezeichnet worden 
von Finamore in seiner Sammlnng: Tradizioni popolari abruzzesi, Vol. I, 
novelle (parte prima) 4 ); und trfigt den Titel: La storije de la Bbella 
Vijfende, das zweite von Busk, R. H., The folk-lore of Rome, Lond. 

1874 *). 

Trotz seiner ehemals grossen Verbreitung gehtfrt der Roman zu 
den seltensten Buchern und ist, ungeacbtet seines litterarischen Wertes 
und seines seltenen Erfolges, in der franzos. Litteraturgeschichte, wenn 
wir die mehr bibliographischen Angaben bei Graesse ausnebmen, bis- 
lang unbertlcksichtigt geblieben. Habent sua fata libelli. 

1) Dyce, Boston 1856, III p. 72. < 

2) Perth 1787, first part. 50. 

3) Extracts from the accounts of the revels at court (by Peter Cunningham),, 
Lond. 1842, p. 13. 

4) Lanciano, tipogr. di R. Carabba, 1882 XI 248, 8. 

5) s. Reinhold Ktfliler, kleinere Schriften zur Marchensammlung, Weimar 
1898, I p. 362. 



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